Der Weg ist das Ziel 
Der Weg war länger als gedacht und die Wärme machte es nicht besser. Die Ödnis war erbarmungslos. Jeder Schritt, den Dabu´ka trat, schien ihr das Fleisch von den Knochen zu reißen, so sengend brannte sie auf die Orcin herab. Der Boden war rissig wie altes Leder, Staub kroch in die Kehle und die Hitze flimmerte so stark, dass selbst Felsen in der Ferne zu schwanken schienen. Es war unmöglich sich tagsüber groß fortzubewegen.
Dabu´ka wusste, dass sie Wasser finden musste, oder sie würde die nächste Nacht nicht überleben. Also grub sie mit einem spitzen Stein und bloßen, blutigen Händen in trockene Flussbetten, die sich wie Narben durch die Landschaft zogen. Manchmal hielt sie inne, legte ihr Ohr auf den Boden und horchte; in der Hoffnung, das dumpfe Rauschen unterirdischer Quellen zu hören. Oft war es vergebens, doch das Wissen alter Techniken der Jäger hielt sie aufrecht; dort wo tote Pflanzen waren, musste irgendwo auch Feuchtigkeit gewesen sein.
Als die Sonne sank kam die geringe Kühle. Doch mit der Nacht kam auch etwas anderes. Ein Laut, der ihr das Blut in den Adern gefrieren, aber auch zugleich ihr Herz zum Anschlag hüpfen ließ. Das vertraute Heulen eines Wolfes, doch verzerrt, fremd, gequält. Sofort spannte sich ihr Körper, war sie wirklich hier allein?
Ihre Augen durchbohrten die Dunkelheit, ihre Ohren suchten nach einem leisen Rascheln. Sie fühlte es; dieses Beobachtet werden. Jeder Muskel war gespannt, als hätte die Ödnis selbst sie ins Visier genommen. Doch sie musste weiter, Stunde um Stunde, getrieben von dem Willen, nicht vor Erschöpfung zusammenzubrechen.
Mit dem ersten Licht des Morgens brannte die Sonne wie ein Schmiedefeuer über dem Horizont. Schweiß rann ihr von der Stirn, die Lippen sprangen auf. Sie wusste; in der Mittagshitze zu gehen wäre wahnsinnig. Also suchte sie Schutz. Zwischen einigen Felsen schob sie dürres Gestrüpp zusammen und spannte ihr Fell als groben Schatten. So blieb sie verborgen, während die Sonne die Luft zum Sieden brachte.
Langsam nagte der Hunger; und noch immer spürte sie diese merkwürdige Präsenz. Wie ein lauerndes Tier, das sie beobachtete und wartete ob die Orc gebrechlich wurde. Als würde die Jägerin selbst zur Gejagten werden. Ein Aasfresser? Ein Raubtier? Dabu´ka beschloss, dieses Schicksal nicht herauszufordern und es zu ihren Gunsten zu wenden.
Mit geübten Händen baute sie eine Lebendfalle. Ein einfaches Scharrloch, mit vertrocknetem Gras, Blätter und Staub getarnt, darüber eine lockere Schlinge aus Bastfasern, die sie von Pflanzen geschnitten hatte. Das Tier, welches hineinlief, würde gefangen werden. Sie stellte die Falle am schattigen Rand der Felsen auf, wo kleine Spuren von Pfoten und Krallen verrieten, das hier durchaus Leben war.
Es dauerte eine Weile, bis die nun ebenfalls lauernde Jägerin etwas hörte. Ein leises Rascheln, ein erschrockenes Fiepen; ein Kaninchen. „Zwar nicht das, was ich erwartet hatte, aber wenigstens füllt es meinen Magen.“ Brummte die Orcin zu sich selbst. Ihre rissigen Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln. Mit einem schnellen Schnitt machte sie kurzen Prozess. Sie dankte still den Ahnen und dem Tier, bevor sie es über der glimmenden Feuerstelle zubereitete.
Doch dann – das Geräusch.
Ein lauteres Kratzen auf dem Stein, ein großer Schatten über sie. Dabu´ka fuhr herum, den Bogen immer griffbereit und rasch gespannt. Auf dem Felsen hinter ihr saß es. Kein Wolf, kein Falke; sondern beides zugleich. Ein Wolfsfalke. Kräftige Schwingen, robuster Körper und kantiger Kopf. Was jedoch sofort ins Auge fiel war sein tiefgründiger Blick, als würde das Tier der Jägerin mitten in die Abgründe ihrer Seele schauen.
Ihre Kehle wurde trockener, dass es ihr fast den Atem raubte. War es Schicksal? „Hast du dich verlaufen?“ Unterbrach sie den kurzen Moment der Stille. Das Tier sah hungrig aus, knurrte tief, doch griff es Dabu´ka nicht an. Hätte sie kleinbeigegeben, wäre sie selbst wohl seine Beute geworden. Doch nun, lief beiden bei dem köstlichen Geruch des Kaninchens das Wasser im Maul zusammen.
Die Orcin senkte langsam den Bogen und atmete die Anspannung aus. „Keine Sorge, dich werde ich nicht sinnlos erlegen, mein Essen ist bereits sicher.“ Murmelte sie und setzte sich neben die Feuerstelle. Sie riss das Kaninchen in zwei Hälften und warf eines dem Wolfsfalken zu. Dieser schnappte es hungrig und fraß es gleich an Ort und Stelle. „Du bist auch gerade etwas verloren, mh? Sonst hättest du es in deinen Bau, oder Nest, oder worin zu auch immer schläfst, gebracht.“ Kurz fixierten die Augenpaare sich gegenseitig und für einen Moment schien es, das sich beide Geschöpfe still verstehen.
„So ist das also,“ sagte Dabu´ka verstehend und schnaubte, fast amüsiert. „Darum keine Spuren. Du bist geflogen, als du mich verfolgt hattest und warst sogar schlau genug, deinen eigenen Schatten vor mir zu verstecken.“ Sie sprach weiter und unterhielt sich mit dem Wolfsfalken, als seien sie bereits vertraute Gefährten. Die Jägerin erzählte von ihrem Dorf, ihrem Sohn Tosh´ka, von dem Flüstern in den Köpfen der Bewohner und von ihrer Entscheidung zu gehen, trotz der Befürchtung zu scheitern.
Das Tier antwortete mit seinen Blicken, leichten Neigungen des Kopfes und mit dem Schweigen, das seltsam verständnisvoll wirkte. So webte sich langsam das Band als Schicksalsgefährten. Die Jägerin freute sich, nicht mehr alleine zu sein und der Wolfsfalke blieb einfach an ihrer Seite.
Die zweite Nacht liefen sie nebeneinander und Dabu´ka spürte, wie ihre Einsamkeit wich. Am Tag fanden sie eine kleine Felshöhle, kühl und schattig. Dort erlegte die Jägerin ein paar träge Schlangen und natürlich teilten sie wieder ihre Mahlzeiten.
Als sie am nächsten Tag aufbrechen wollten, stieß der Wolfsfalke Dabu´ka mit seiner Schnauze an. Mit ihrer Aufmerksamkeit legte er sich sodann vor ihr nieder, breitete die Schwingen aus und blickte sie auffordernd an. Dabu´ka blinzelte. „Du willst mich tragen?“ Vorsichtig legte sie ihre Hand in sein weiches Federfell und fühlte die Kraft dem Gefieder. Zunächst zögerte sie, doch dann schwang sie sich auf seinen Rücken und klammerte sich eher ungeschickt fest. Mit einem kräftigen Schlag der Schwingen erhob er sich und die Ödnis unter ihnen schrumpfte zu einem kleinen Teppich.
Der Flugwind kühlte die Haut, wirkte erfrischend und zum ersten Mal seit vielen Tagen konnte Dabu´ka unbeschwert lachen. Ein freies, wildes Lachen, das mit ihnen in den Himmel stieg.
Nach und nach lockerte sich auch die Umklammerung, mit jedem Flügelschlag wuchs das Vertrauen und dann … am Horizont, wuchsen die Zinnen und Tore Orgrimmars. Robust, unbeugsam, das Herz der Horde aus Holz und Eisen inmitten der sengenden Welt.
„Endlich.“ Flüsterte die Jägerin und lehnte sich mit einem Fingerzeig etwas nach vorn. „Wir müssen runter.“ Machte sie dem Wolfsfalken deutlich, das sie zur Landung ansetzen sollten.