Classic-Atmo

Da ich erst kurz vor Cata eingestiegen bin, kannte ich Classic nur aus Erzählungen bzw. einige Dinge wie die alte Talentbaumstruktur kannte ich noch aus Wotlk. Nun bin ich im Classic-Revival mit einer untoten Magierin in Tirisfal unterwegs (erst Stufe 10) und werde einmal kurz meine Impressionen schildern (einfach weils Spaß macht darüber zu schreiben):

Kurz und bündig könnte man sagen, es trifft auf den Punkt die spezifischen Erwartungen, die in der Fantasie immer daran gekoppelt waren.

Lang ausgeführt, würde ich sagen, hat die Atmosphäre in Classic eine starke Authentizität, die einen selbst bzw. den jeweiligen Char zu einem stark integralen Teil des Spiels macht. Tirisfal ist meisterhaft in Szene gesetzt in Bezug auf die schaurig-schöne Geschichte der Verlassenen. Hier spielt Blizzard seine besondere Stärke aus - die Erzählung von dramatischen, im Grunde auch brutalen, gruseligen oder emotionalen, schwermütigen Geschichten im Stile von Edgar Allen Poe oder vergleichbarem, die jedoch gleichzeitig mit einem Humor gewürzt sind, der immer eine gewisse Distanz erzeugt. Ich weiß nicht, warum die Blizzard-Autoren und Designer hierfür so ein auf dem gesamten Markt unerreichtes Talent haben (im aktuellen Spiel ist das übrigens auch noch zu spüren, um fair zu sein), aber sie schaffen es immer und immer wieder, Geschichten mit dem notwendigen Drive an Drama und Horror auszustatten und dem Spieler gleichzeitig zu erlauben, das Ganze aus einer amüsierten Perpektive zu betrachten, die genau die richtige Distanz schafft.
Ein Beispiel (nun tatsächlich aus Cata glaube ich) ist eine Story (glaube aus dem nördlichen Bereich der Östlichen Königreiche), in der man ein kleines einsames Geisterkind findet, das Angst hat und seine Eltern sucht. Im Laufe der Geschichte findet der Char heraus, dass die Angehörigen tot sind, das Kind aber tatsächlich selber auch schon (ohne es zu merken) tot ist. Am Ende versucht man, dem Kind schonend beizubringen, das es gestorben ist. Meine Erinnerungen sind eventuell nicht mehr hundertprozentig korrekt, aber dies ist ein Paradebeispiel für eine Gänsehautgeschichte wie sie astrein von Poe hätte geschrieben sein können, die WOW mit üblicher Lässigkeit mit einem stetig zwinkernden Auge erzählt. Ich finde es bemerkenswert, dass mir das noch relativ präsent ist, obgleich es Jahre (!) her ist. Ich kam auf diese Gedanken, als ich gerade mit der kleinen Magierin in Classic den Brief von Thurmann Agamand an seine Yvette gelesen habe. (Diese ganzen Geschichten funktionieren natürlich nur, solange man die Questtexte mit allem Drum und Dran wie Briefe liest.)

Im aktuellen Spiel behält Blizzard zwar sein Erzähltalent bei, aber es ist doch etwas anderes. Das aktuelle Spiel ist wie ein Ikea-Bälleparadies, in das man als Kind mal abgegeben wird und später wieder von den Eltern abgeholt wird. Einmal über drei Ozeane irgendwo hinporten, im Godmode ein paar Dinge erledigen, und wieder zurückporten. Im aktuellen Spiel soll jedem Spieler vermittelt werden, er sei Chuck Norris. Zum einen vom Wording her, und zum anderen vom Kampf her. In Classic wird dem Char vielleicht mal vom Questgeber bescheinigt, dass er starke Arme habe und das seine Unterstützung an der Grenze XY hilfreich sei und er sich bei Interesse mal bei Kommandant Z melden könne. Im aktuellen Spiel hat der Char schon am Anfang der Storyline Azeroth gerettet, ihm wird kurzerhand ein drei Kilometer großes Denkmal in der Hauptstadt errichtet, in irgendwelchen Videosequenzen kniet eine ganze Stadt dankesergeben vor ihm nieder und er wird von irgendwelchen (eigentlich viel mächtigeren) Anführern angebettelt, zu helfen, da nur er ganz allein imstande wäre, das gesamte Universum überhaupt noch vor der unwiederbringlichen Zerstörung zu retten. Hier hat Blizzard das Maß verloren. Das ist es, was dazu führt, dass man sich irgendwie nicht mehr IN der Welt, sondern AUF der Welt fühlt. (Und es führt zu einem absurden Widerspruch, wenn man sich vor Augen führt, dass gerade 10 Millionen Chuck Norisse gleichzeitig das Universum retten und von ganz Azeroth angehimmelt werden.)
Die Welt sollte ein umgebendes System sein, das Grenzen setzt, Regeln aufstellt, eigene beschränkte Kräfte aufzeigt und damit auch Herausforderungen generiert. Die Welt sollte nicht das besagte Ikea-Bälleparadies sein, das man bei Interesse mal kurz anklickt und das dem Spieler unterworfen ist und ihn rundherum sicher und zufrieden machen soll. (Rundherum sind meine Ausführungen natürlich überspitzt, das aber nur der Verständlichkeit halber).

Ob Classic “schwieriger” ist, ist natürlich so eine Sache des Standpunktes. Das ist subjektiv, nicht objektiv. Aus Spaß habe ich parallel mal eine untote Magierin im aktuellen Spiel gestartet.
Die Classic-Magierin ist nach anderthalb Gegnern OOM, die neue Magierin braucht eigentlich keinen Manabalken. Natürlich kriegt ein Magier im aktuellen Spiel auch irgendwann Manaprobleme, wahrscheinlich spätestens in anspruchsvollen Inis - bevor hier irgendein Superkluger den Pro raushängen lässt - aber das interessiert mich hierbei gerade nicht und ich rede nun mal vom kleinen Levelbereich. Und die Atmosphäre in Tirisfal im aktuellen Spiel ist… nun ja, sie ist nun mal einfach flöten gegangen. Ich erstehe auf, und neben mir steht irgendein Trike mit blubberndem V2-Motor, alles ist irgendwie bunter, irgendein NPC (Name vergessen) bietet dir gleich an, dir den Weg zu der Gruft zu zeigen, die viereinhalb Meter entfernt ist. Fehlt noch, dass er sagt: “Vorsicht Stufe, bitte nicht stolpern!”. Es ist alles irgendwie voller. Die Atmosphäre ist die eines Addams-Family-Freizeitparks. Wo Zuckerwatte in Totenkopfform verkauft wird. Wo man aber in Bermudashorts und mit Nike-Cappi rumläuft und sich fragt, welchen Schießstand man als nächstes ausprobiert, oder ob man sich zuerst noch einen Latte von Starbucks holt. Die ersten zu tötenden Questmobs befinden sich zweieinhalb Meter neben dem Startpunkt und wimmeln wie Ameisen über die Wiese. Der Edgar Allen Poe-Flair… zunichte. Es ist - wie obig geschrieben - eine Welt nur FÜR den Spieler; keine Welt, die Grenzen setzt und sagt: “So ist das Leben. Friss oder stirb!”.
Auch jetzt formuliere ich wieder bewusst überspitzt, aber: nach 5 Minuten mit der neuen Magierin dachte ich: “Kotz. Auslogg.”
Mit der Classic-Magierin tauche ich ein. Ich fühle mit, was die Situation der Verlassenen angeht. DAS ist genau mein Erzählstil. Das morbide, die über allem hängende drohende Kulisse des Unnatürlichen, des Untoten. Die Feuerbälle der Classic-Magierin fühlen sich mächtiger an, obwohl die neue Magiering de facto “mächtiger” ist. Und die Classic-Magierin fühlt sich mächtiger an, einfach WEIL das Mana schnell alle ist. Alles, einfach alles, egal, was es ist (ob Eigenschaften, Objekte, Ressourcen), verliert den Habitus des Besonderen (“mächtigen”), wenn es im Überfluss vorhanden ist.

Classic ist, wie Kolumbus einst nach Amerika zu fahren und dort den Fuß auf unbekanntes Terrain mit unbekannten Gefahren zu setzen.

Das aktuelle Spiel ist, wie in der heutigen Zeit zum Reisebüro zu gehen und sich dort ein Pauschalangebot für eine Florida-Reise geben zu lassen, bei der der Mietwagen nach der Landung schon bereit steht. Die Route zur Hotelanlage wurde auch schon im Navi gespeichert.

Die Classic-Welt fordert dich. Sie sagt: “Na, komm schon, traust du dich?” Für mich ist Classic schwierig. Die Gruft in Agamands Mühlen schaffe ich nicht alleine. Und SO MUSS EINE GRUFT sein. Es ist ein kaltes Grab, viele Treppen tief, verseucht mit Geistern und Zombies.
Übrigens gilt das nicht nur für Tirisfal. Ich habe auch einen Menschen-Schurken angefangen und empfinde Elwynn und Westfall mit der Defias als ähnlich gelungen, obgleich es ein ganz anderes Setting ist. Ein Spiel muss einen auch ÄRGERN, zum Beispiel mit den abgefuckten Murlocs.

Abschließend: jaja, ich weiß, dass viele Pros hier solo durch die Gruft bei Agamands Mühlen durchrushen, und dass viele Pros wissen, dass Classic nur in den ersten zehn Leveln Spaß macht und dass ich schon noch sehen werde wie es mich später nervt, und dass OOM keine Schwierigkeit ist, sondern nur ein Timesink und und und…
(Hier, bitte: Wikipedia -> Subjektivität)

Ich sage euch: die Welt nimmt mich mit.
Das Gelatsche bringt einem Respekt vor den Entfernungen bei und macht es attraktiv, Quests und Routen zu planen. Und das Gelatsche unterstützt die Wahrnehmung als eine integrale Welt.
Dadurch, dass es zwei große Karten und wenig Portmöglichkeiten gibt, wird Entfernung tatsächlich irgendwie als physisch wahrgenommen. Das Schlingendorntal (nur als Beispiel) ist schlußendlich zu Fuß erreichbar, aber viele viele Pixel weit entfernt. Dies erzeugt das Gefühl, dass irgendwo dort hinter dem Horizont ein fernes Land liegt, zu dem es aber eine “reale” “physische” (naja programmierte) Verbindung gibt.
Es ist wie in der Physik: In der Physik entsteht “Raum” dadurch, dass Felder (elektromagnetische oder gravitative Felder) existieren. Raum muss also aufgespannt werden. Ohne Felder existiert auch kein Raum, dort ist also im originären physikalischen Sinne “Nichts” (obgleich ein Nichts für einen Menschen nicht vorstellbar ist).
Dieses Problem habe ich, wenn die Welt eines Computerspiels aus mehreren “Orten” besteht, die keine physische Verbindung haben, sprich die nicht durch Bewegung des Chars erreicht werden können, sondern nur durch Laden des neuen Ortes.
Classic hat nur zwei Orte (Kalimdor und die ÖK), die ohne physische Verbindung sind. Mit jeder Erweiterung kamen weitere nicht-verbundene Orte dazu. Eine Entfernung nach Tiefenheim o.ä. ist abstrakt und nicht vorstellbar, da keine Verbindung existiert, die durch Bewegung des Chars herstellbar wäre. Auch zu viele Portmöglichkeiten innerhalb eines Ortes schmälern die Entfernungswahrnehmung und die Wahrnehmung als integrale Welt.
In Classic zwingt einen das Gelatsche dazu, die physische Entfernung wahrzunehmen, was nerven kann, was aber definitiv der Wahrnehmung der Abstände und Entfernungen und damit der Integrierung in die Welt zuträglich ist.

Kurzum: Ich darf Classic nun zum ersten Mal erleben und ich finde Classic super.

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Sehr schön geschrieben und beschreibt tatsächlich das, was ich - subjektiv - bei WoW-Classic (wieder) empfinde.
/bow

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Hier unterschreibe ich mal!

100% meine Empfindung. Davon ab finde ich, es hat gleichermaßen was ehrfürchtiges wie meditatives, 20 Minuten lang geradeaus durch die Barrens zu laufen, nur um einen (1) Quest abzugeben - der dich anschließend an das andere Ende der Welt schickt. Zu Fuß!

Ich habe schon vanilla gespielt und damals hat mich das ewige gerenne genervt. Heute finde ich genau das immersiv und entspannend, denn es nimmt einem die Aufregung. Wenn man seine Routen halbwegs intelligent zusammenstellt, gerät man in eine Art “Flow” was über alle Maßen befriedigend ist.

Und ansonsten ist man der “kleine Held” (wie oben beschrieben) auf der Suche nach dem ganz großen Abenteuer. So soll es sein, imho.

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Ich erwische mich immer wieder, dass ich druck habe etwas zu erledigen… Dann machts PENG und ich realisiere, in Classic zu sein und wie man so im Flow treibt… Eifnach vor sich hin daddeln und gross werden ^^ Da gibts keine Daylies, keine Weeklys, irgendwas zu verpassen weil man mal nicht einloggt etc. etc.

Man muss sich BFA echt abgewöhnen :smiley:

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„The most important character in World of Warcraft is the World“ -Metzen

Sehr schön geschrieben.

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Die (Unsere) Helden sind auch nur so krass geworden, weil sie net sterben können! :stuck_out_tongue:

Sehr gut geschrieben, danke dafür!

Da fällt mir nur eines ein. Genießt das und habt Spaß. Erlebt was wir bereits damals in 2005/06 erleben durften(und heute glücklicherweise nochmal dürfen).

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