[H RP] Haus Rabenherz - Redux

„Ich erbitte Eure Verzeihung, Lady des Herzens der Raben, aber was meint Ihr mit ‘Ihr seid entlassen’?"

Gefasst und gut gekleidet wie eh und je stand er vor ihr. Astartus Satori, der "Maestro". Sollte ihn die jüngste Offenbarung überrascht oder anderweitig getroffen haben, merkte man es ihm nicht an. Wie man ihm eigentlich nie etwas anmerkte.

„Ihr wart auf Eure weltfremde Art stets der Klügste von uns allen. Ich bezweifle dass ich Euch einen so simplen Satz ernsthaft erklären muss."

Ganz im Gegensatz zu ihrem Gegenüber war Lothessa Rabenherz nicht im geringsten in der Lage zu verbergen,wie sehr ihr diese Situation widerstrebte. Wie nah sie ihr ging. Dass sie jede Sekunde davon hasste.

"Oh, die Worte kenne ich durchaus. Einschließlich ihrer sämtlichen Synonyme und den legitimen Possibilitäten, sie zu sinnvollen Phrasen zusammenzusetzen. Meine Frage zielte eher auf eine Begründung ab. Habe ich mich fehl verhalten?"

Lothessa hatte sich dieses Gespräch hier bis zum Schluss aufgehoben. Nicht dass noch viele nötig gewesen wären.

Die meisten hatte man ihr bereits aus der Hand genommen. Ohne dass sie darum gebeten hatte. Oder es gewünscht.

Vor ein paar Tagen:

Stapelweise Pergamente trachteten erfolglos danach, den massiven Schreibtisch im Arbeitszimmer von Rufus Rabenherz wenigstens ein kleines bisschen durchzubiegen. Mit einer mörderischen Ruhe und einem langstieligen Glas Wein in der Linken sah er von dort aus seinem heutigen Gast beim Eintreten zu. Der eigenen Tochter.

"Der Eine mit den Würdigen, Lothessa. Du bist meiner Einladung gefolgt. Wie schön."

"Der Eine mit den Würdigen, Vater. Wie hätte ich denn ablehnen können." entgegnete sie zähneknirschend.

Tatsächlich hätte sie nicht. Die beiden liebsten Berufsschläger des Gastgebers hatten auf ihre unverwechselbar nicht-subtile Weise klargestellt, dass es genau zwei Optionen gab: Freiwillig in die Kutsche steigen, oder unfreiwillig in die Kutsche befördert werden - eventuell mit ein paar gebrochenen Knochen.

Natürlich hätte sie sich gegen Option Zwei zur Wehr setzen können. Vielleicht sogar erfolgreich. Aber die Konsequenzen hätten den vermeintlichen Gewinn nicht aufgewogen.

Ein kurzes Nippen an seinem Wein – dann stellte Rufus das Glas beiseite und klatschte unternehmerisch in die Hände.

„Ich möchte gleich zur Sache kommen, wenn du erlaubst: Du hast versagt.“

Drei Worte, die immer noch die Wirkung einer Ohrfeige hatten. Daran hatte sich seit Lothessas Kindheit nichts verändert. Dementsprechend starr und getroffen stand sie da. Ohne eine Antwort oder einen Laut von sich zu geben.

„Ich gab dir diverse Male auf liebenswürdigste Art detaillierte Instruktionen wie mein Haus zu führen sei. Du hast sie nicht bloß ignoriert, nein! Das wäre für Lady Lothessa Efgenya Rabenherz unangemessen.“

Der blanke Hohn sprach aus seiner Betonung ihres Namens, während er sich ein paar Briefe von einem der Pergamentstapel griff.

„Statt dessen hast du in meinem Namen eigene Anweisungen und Zusagen gefälscht, immer so, wie du sie grade gebraucht hast. Du hast mich, meinen Namen und dieses Haus über Jahre hinweg belogen, betrogen und benutzt!“

Jener Vorwurf weckte nun doch ihren Trotz, so dass sie die unbewegte Haltung ein wenig aufweichte um zu entgegnen:

„Werte, die DU mir vermittelt hast, Vater. Bist du stolz auf mich?“

Eine flache Hand, die donnernd auf den Schreibtisch niederging, bedeutete wohl Nein.

„Du hast meine Zeit und mein Geld verschwendet, meine Geduld mit deinen Eskapaden auf eine harte Probe gestellt. Also ist es nur recht und billig, wenn ich mir zurücknehme und korrigiere soviel ich kann.“

Bei diesen Worten blätterte Rufus durch weitere Pergamente. Hin und wieder legte er eines vor sich aus. Lothessa begab sich wieder in ihre stoische Pose. Straff wie ein Soldat lauschte sie den unvermeidlichen Ausführungen in der Hoffnung, wenigstens nichts schlimmer zu machen.

„Dein Privatvermögen habe ich einfrieren lassen. Institoris verwaltet es künftig. Du wirst jede Ausgabe mit ihm durchsprechen, jede Einnahme an ihn abtreten.“

Keine Reaktion.

„Dein ‚Haus‘, das heißt, die kläglichen Reste davon, werden aus ihren Diensten und ihrem lächerlichen Schwur entlassen. Nicht dass es einen Unterschied machen würde. Du bist unlängst allein.“

Ein hartes Schlucken, immerhin. Und dann brach doch etwas aus ihr heraus. Ihr Mantra der letzten Monate:

„Raben wollen flie…“

„Wage es nicht diesen Satz zu beenden! Niemand ist ‚geflogen‘, Lothessa! Man hat dich im Stich gelassen. Nicht mehr und nicht weniger.“

Gut. Dieser Hinweis war eine Träne wert. Sie hoffte nur dass ihr Vater sie nicht sah.

„Deine interessant ausgeführte Adoption eines Straßenköters in die Familie habe ich immer bloß als schlechten Scherz betrachtet. Trotzdem sage ich lieber dazu: Sie ist natürlich rundheraus ungültig. In Anbetracht der möglichen Konsequenzen möchtest du gewiss auch dieser Meinung sein.“

Die Träne bekam Gesellschaft. Er wusste davon? Natürlich wusste er davon. Ganz automatisch nickte sie ein- zweimal krampfhaft, bevor sie wieder alle Energie brauchte um Haltung zu bewahren.

„Du hast es gleich überstanden.“ höhnte Rufus mit falscher väterlicher Anteilnahme. Und erntete dafür ein weiteres Nicken. Er nahm eines der bereitgelegten Dokumente zwischen beide Daumen und Zeigefinger.

„Deine fruchtlose Ehe mit dem Söldner…“

Diesmal gab es keine Chance auf Zurückhaltung mehr. Lothessa preschte mit ausgestrecktem Arm und einem schrillen Aufschrei vor und wollte nach dem Papier greifen. Doch schon auf halbem Wege hörte sie jenes charakteristische Reißen – und dieses Geräusch schien in dieser Sekunde ALLES zu übertönen.

„… ist hiermit annulliert!“ beendete Rufus seinen Satz und ließ die beiden Hälften der Hochzeitsurkunde achtlos zu Boden segeln. Lothessa blickte ihnen nach, aufgestützt auf den Tisch und zusammenhanglos stammelnd.

Rufus gab ihr, absichtlich oder nicht, ein wenig Zeit, indem er betont langsam nach seinem Weinglas griff und daran nippte.

„Ich bin bereit, es dich noch einmal versuchen zu lassen. Sofern du willst. Haus Rabenherz Redux, sozusagen. Aber erinnere dich dabei immer an den heutigen Tag. Alles was du tust, alles was du aufbaust – wenn es mir nicht zusagt, nehme ich es dir einfach wieder weg. Und jetzt geh mir aus den Augen.“

Taumelnd wandte Lothessa sich um und der Tür zu. Ihr Körper war schwer zu navigieren, fühlte sich taub an. Auf halbem Wege blickte sie noch einmal über die Schulter, aber ihre Frage, ihre Gedanken, konnte sie lediglich in einem Wort ausdrücken.

„Llewellyen?“

„Ah. Natürlich. Das hätte ich jetzt glatt vergessen. Du wünschst dir doch bereits dein Leben lang nichts sehnlicher, als ein Einzelkind zu sein, nicht wahr? Nun, alles Gute zum Geburtstag, Tochter.“

An dieser Stelle umfing Lothessa eine gnädige Ohnmacht.

Zurück in der Gegenwart:

„Nein, Herr Satori. Nein. Ich glaube … Ihr seid so ziemlich der Letzte, dem ich irgendein … Fehlverhalten vorwerfen könnte. Und jetzt geht mir aus den Augen.“

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„Haben wir eigentlich ein Ziel, oder ziehen wir auch weiterhin bloß ineffizient in der Gegend umher? Zeit ist Gold, Lady Rabenherz. Genau genommen ist Gold das Ergebnis von Zeit und gewinnversprechender Aktivität. Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass Letztere genau genommen nicht stattfindet.“

Institoris, Verwalter, Buchhalter und finanzielles Gewissen der Familie Rabenherz. Auf seine ganz eigene Weise war er das am meisten gefürchtete Mitglied des Hauses. Nicht etwa, weil er besonders bösartig wäre. Nein, die Ursache lag einfach im natürlichen Konflikt seiner Aufgaben mit dem innerhalb der Familie weit verbreiteten sorglosen Umgang mit Gold, Besitz und Schuldscheinen.
Allzu oft musste der Goblin eingreifen und sie alle an das uralte Prinzip von Soll und Haben erinnern: Du SOLLst immer ausreichend Gold auf der hohen Kante HABEN.

Lothessa antwortete nicht gleich. Und dann wollte sie es zuerst mit einem Schulterzucken abtun. Schließlich aber blickte sie doch hinüber. Nicht ohne Abscheu - dass sie diesen unbeliebten Münzjongleur tatsächlich mitnehmen musste, war ihrer Meinung nach eine Art finale Demütigung.

„Wozu denn auch? Wozu irgendeine Unternehmung?“ Sie blieb nicht stehen während der Antwort. Im Gegenteil wurden ihre Schritte energischer und ausholender. Sie wollte es dem Goblin möglichst schwer machen mitzuhalten.
„Ich bekomme mein Taschengeld von dir, und du bekommst im Gegenzug Zettel darüber, wofür ich es ausgegeben habe. Das motiviert nun nicht grade, kreativ zu werden und nach Möglichkeiten Ausschau zu halten.“

Zu ihrem Ärger geriet der Goblin, trotz deutlich kürzerer Beine, nicht einmal ins Schnaufen. Er hatte ein Leben an Übung darin, neben viel größeren Wesen herzugehen.

„Gut, ich verstehe. Das ergibt auf eine skurrile Weise Sinn. Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte?“
Das er keine Antwort erhielt, empfand er als Aufforderung weiterzusprechen.
„Ich gebe Euch 10 - hrrm, nein, sagen wir 5 Goldmünzen. Über jene Münzen - und über alle weiteren, die Ihr daraus erwirtschaftet - könnt Ihr frei verfügen. Ohne Rechenschaft. Ohne irgendetwas davon an mich zur Verwaltung abtreten zu müssen. Wie klingt das?“

„Nach einem dicken Haken.“ meinte die blonde Sin’dorei bloß und richtete sich die Augenklappe.

„Das… Oh. Ja, zugegeben, es klingt wirklich danach. Aber nein, kein Haken. Keine Falle. Wozu denn auch? Ich hätte lediglich eine Bitte. Sozusagen persönliche Neugierde. Ich wäre nicht uninteressiert daran, ab und zu zu hören, ob und wie es denn vorwärts geht. Oder, was wir natürlich nicht hoffen wollen, ob es eben nicht vorwärts geht.“

Und auch wenn Lothessa immer noch überzeugt war, dass hier irgendwo eine böswillige Absicht versteckt war, arbeitete ihr Kopf bereits auf Hochtouren. Rasend schnell füllte sich eine imaginäre Liste, deren Überschrift lautete: ~Mögliche gewinnversprechende Investitionen von 5 Gold~

Und als könnte der Goblin auf magische Weise seinem Gegner jeden finanziellen Gedanken an der Nasenspitze ansehen, grinste er los und brauchte gar keine Antwort mehr zu hören.
„Ich sehe, Ihr seid einverstanden.“ sagte er bloß.

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Die Welt der Hochfinanz hatte ihr ganz persönliches Hexen-Einmaleins, samt einer ganzen Spanne von dazugehörigen Vokabeln wie „Kettensatz“, „Verteilungsrechnen“ oder „Bezugskalkulation“. Lothessa kannte sie alle - natürlich. Das Haus Rabenherz rühmte sich nicht selten damit, etliche dieser Begriffe erfunden zu haben. Ein trockener, humorloser Scherz.

Fünf Goldstücke hatte man ihr zur freien Verfügung gestellt. Genug, um einem völlig simplen Geschäftsmodell zu folgen. Schematisch ungefähr der Kette folgend, ‚Kauf eine Angel. Werde Fischer. Verkaufe den Fisch. Verdiene genug, um irgendwann jemanden dafür bezahlen zu können, dass er für dich angelt. Teile. Expandiere.‘
Das Feld ihrer Wahl mochte ein anderes sein - immerhin gab es einen Ruf zu wahren-, das Prinzip aber blieb dasselbe.

So zogen Wochen um Wochen, Monate um Monate ins Land, in denen Institoris mehr als nur seine persönliche Neugierde befriedigen durfte. Nicht lange dauerte es, bis er die Buchführung der neuen Geschäfte übernahm. Und der alte Goblin fühlte sich wie in einem wohlverdienten Urlaub. Keine schwachsinnigen Risiken. Kein Prunk, kein Protz, allerhöchstens kalkulierte Werbungskosten. Über die eher ungewöhnlichen Nebenausgaben dachte er unlängst nicht mehr nach - sie hielten sich im Rahmen und trugen zweckgebunden zum Erfolg bei.
Und, was seinen persönlichen Glanzpunkt darstellte:
Lady Rabenherz arbeitete mit einem ~Bankkonto~! Einem echten, goblinischen Bankkonto. Nicht wie ihre Eltern mit sowas archaischem wie einer Schatzkammer. Hat irgendjemand schon einmal versucht mit einer Schatzkammer zu wirtschaften?! Beleglose Ein- und Ausgänge? Allein schon beim Gedanken daran schwoll seine Halsschlagader bedenklich an.

Zwei Fingerbreit stand die bernsteinfarbene Flüssigkeit in einem niedrigen Glas vor Lothessa, die Flasche daneben. Alles lief gut. Fast perfekt. Einen kleinen Prozentsatz der Gewinne ließ sie regelmäßig in die Heimat transferieren, einfach nur aus der vagen Hoffnung heraus, es könnte ihren Vater beschämen, von der eigenen Tochter derart alimentiert zu werden.

Soviel zur einen Seite der Medaille. Die Sin’dorei erhob sich schwerfällig aus ihrem Ledersessel, griff mit der linken nach dem Glas und fuhr sich mit den gespreizten Fingern der rechten durch die inzwischen rot gefärbten Haare. Ein wenig wankend, als hätte sie viel zu lange gesessen, trat sie an die schweren, zugezogenen Vorhänge des spartanisch eingerichteten Zimmers, schob einen davon ein wenig auf, und zuckte vor der hereinströmenden Lichtflut zurück. Viel zu hell.

Ihr gesundes Auge leicht zusammengekniffen, ließ sie den Blick hinausschweifen. Und die Gedanken. Dann leerte sie das Whiskeyglas, holte zum Wurf aus… überlegte es sich noch rasch anders und ließ den Arm einfach wieder sinken.

[Was haste dir denn eigentlich erhofft? Wer bereits mehr bekommen hat als er verdient sollte nich’ jammern, weißt’e?] „Ich weiß.“ Diskussionen hatten sich als unsinnig herausgestellt. Sie fanden NIE ein Ende.
[Kann nich’ glauben dass ausgerechnet ich das sag’, aber du warst lange nicht mehr beim Onkel Doktor.] „Der hat Wichtigeres zu tun. Er… und ich.“ [Aber 's hat mir immer viel Spaß mit ihm gemacht. Tihihi.] „Genau.“

Lothessa trat an den Schreibtisch zurück, zog eine Schublade auf und legte zwei grünliche, irgendwie unförmige Pillchen auf die Platte. Dann füllte sie ihr Glas großzügig nach.

[Hey! Die Dinger nimmt man mit Wasser!] spöttelte es kichernd in ihrem Schädel - woraufhin sie einen winzigen Spritzer Wasser aus dem fürs Händewaschen gedachte Schälchen zu ihrem Getränk hinzufügte, die Pillen in den Mund legte und damit hinunterspülte.
[Bwaaa-hahahahahahaaa!]

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Postalische Lieferungen an den derzeitigen Wohnsitz des Familienzweiges rund um Lady Lothessa Rabenherz waren schwieriger geworden. Es gab Zeiten, da konnte man als Postmeister sicher sein, dass einem die Tür geöffnet wurde, noch bevor der massive Klopfer in Form eines Rabenkopfes mit dem Schnabel voran tatsächlich dagegen schlagen konnte:
Man hatte ihn angehoben, losgelassen, und KNIRSCH - die Tür schwang auf, und die kalte, gräuliche, halb verweste Hand des Hausdieners stoppte den zurechtgeschnitzten Holzblock, bevor kalt glühende, tote Augen sich vorwurfsvoll auf den Eintritt Suchenden legten. Ganz so, als hätte jener die Absicht einer boshaften Sachbeschädigung gehabt.

Und so unheimlich diese Zeiten gewesen sein mochten, nicht wenige Postmeister sehnten sich dieser Tage nach ihnen zurück. Heute könnte man getrost versuchen, die massive Tür ~einzutreten~, und man würde keine Reaktion erhalten. Es ~sei~ denn…

Es sei denn, man kannte die magischen Worte. Sie waren ein wenig tückisch, und nicht immer erzielte dasselbe von ihnen die gewünschte Wirkung. Andererseits schadete es nicht, sie hintereinander weg auszuprobieren. Und genau das würde Postmeister Meeks in eben diesem Moment wieder einmal tun müssen.

„Dividende!“ rief er der Tür entgegen. Keine Reaktion. „Giro! … SALDO!“ Nichts. „Herrjemine… INKASSO!“

Ein Scheppern war aus dem inneren des Anwesens zu vernehmen, gefolgt von schnellen, stampfenden und rasch lauter werdenden Schritten kurzer Beine. „Na also.“ murmelte Meeks und lehnte sich abwartend gegen eine der Säulen.

Schnaufend und mit der Bereitschaft zu töten im Gesicht stehend riss Institoris die Tür auf, blickte zu Meeks empor und wiederholte schreiend: „WAS?! INKASSO??!!“

Meeks zuckte bloß mit den Schultern. Früher fand er diese Ausbrüche zum Schreien, aber nach ein paar Dutzend mal verloren sie ihren Witz. „Keine Ahnung.“ murmelte er und drückte dem immer noch schwer atmenden Goblin einen Stapel Briefe in die Hand. „Einer davon bestimmt. Wer weiß?“

„Oh, ach… ach so. Du bist’s. Du und deine Kollegen, ihr müsst dringend aufhören mit dieser Schei-… mit diesem Unfug. Mein armes altes Herz.“ murmelte Institoris, wischte sich kalten Schweiß von der Stirn und überflog dann die Absender.

Ein weiteres Schulterzucken vom Postmeister. „Und die Kiste da.“ Wobei er mit dem Daumen über seine Schulter deutete.

„Schon wieder eine von ~denen~.“ murrte der Goblin augenrollend.

„Was’n da eigentlich immer drin?“ Ohne weitere Absprachen, wie einem eingeübten Ritual folgend, nahm er die recht große Kiste, etwa 150 mal 40 mal 40, an der einen Seite, und der entnervte Verwalter an der anderen.

„Keine Ahnung, ~und es interessiert mich auch nicht~. Man schläft besser, wenn man über manche Dinge in diesem Haus nicht Bescheid weiß - es sei denn, sie verursachen Kosten.“ murrte Institoris schnaufend und trug das Packstück zusammen mit Meeks bis in die große Empfangshalle, das Briefbündel darauf abgelegt. Jetzt nur noch den Empfang quittieren.

„Mach mal Urlaub.“ schlug Meeks vor, während eine Schnellschreibfeder über Pergament kritzelte. „Gadgetzan ist hübsch und fast friedlich zu dieser Jahreszeit.“

Diesmal war Institoris mit dem Schulterzucken dran. „~Urlaub~? Urlaub soll ich machen? Hast du eine Ahnung, was da alles dran hängt? ~Nein~, hast du ~nicht~! Natüüüürlich mache ich mal eben Urlaub in Gadgetzan, und währenddessen stapelt sich hier die Arbeit, niemand achtet mehr auf die Buchhaltung, ‚Ach die EINE undokumentierte Ausgabe wird schon niemandem schaden‘, und wer muss das alles dann hinterher bereinigen und aufarbeiten? An weeeeem bleibt dann wieder alles hängen? An MIR! Nur an mir!“

Möglicherweise zeterte der Goblin noch eine ganze Weile weiter, aber das bekam Meeks schon nicht mehr mit. Seine Erfahrungswerte hatten dafür gesorgt, dass er sich schon beim zweiten Fragezeichen hurtig zu seiner Postkutsche verdrückt hatte und zusah, dass er hier fortkam.

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Das nächste Mal, wenn es Institoris aus seinem Arbeitszimmer in die Eingangshalle trieb, wäre die Kiste verschwunden. Wie üblich. Er wusste nicht wohin, er wusste nicht wie. Er begnügte sich mit dem Wissen, dass die Hausherrin nichts zu vermissen schien.
Guten Gewissens ausschließen konnte er zudem Geheimgänge - Lady Rabenherz wurde nicht müde zu betonen, dass es derlei im Anwesen nicht gäbe.

Der arme Institoris hatte das zugrunde liegende System der GEHEIMgänge noch nie verstanden.

In einem Kellerraum unter dem Kellerraum, der den Keller des Anwesens unterkellerte, verließ grade die letzte nicht ganz giftgrüne Nebelschwade die jüngst angelieferte Kiste durch die schmalen Ritzen zwischen den Holzbrettern.
In wirren Windungen zuckte sie einer berauschten Schlange gleich der ausgestreckten Hand Lothessas entgegen, um in dieser zu verschwinden und sich von dort aus gleichmäßig in ihrem Körper zu verteilen.
Im gleichen Moment, in dem auch der letzte Rest absorbiert worden war, ballte sie die Hand krampfartig zur Faust, und das schrille Kreischen, das den Raum erfüllt hatte und frappierende Ähnlichkeit mit dem Pfeifen eines kochenden Teekessel aufwies, verstummte.

[Mjam.] „Ich bin geneigt, zuzustimmen. Das war… erfüllend.“ gurrte die Sin’dorei leise. Ihre Haltung hatte sich gestrafft, scheinbar taub gewordene Muskeln erwachten aus ihrem Schlummer. [Nachtisch?] „Drei Mahlzeiten am Tag, du Gierschlund. Du hattest sie grade alle auf einmal.“ [Ja, und zu jeder einzelnen davon gehört 'n Nachtisch!] „… später vielleicht.“ seufzte Lothessa. „Wir - das heißt, ich - habe zu arbeiten.“ [Hrmpf.]

Im Folgenden brach sie die vernagelte Kiste ganz konventionell mit einem geeigneten Werkzeug auf. Oh, es gab für einfach ~jede~ Gelegenheit das passende Werkzeug, und wann immer man diesen Leitsatz unter Beweis stellen konnte, sollte man es tun.

Der Inhalt schien… ernüchternd, je nach dem, was man erwartet hatte. Eine Leiche. Vertrocknet, ausgemergelt, kaum noch mehr als das Skelett. Der Kiefer aufgerissen wie zum Schrei - aber wohl allein der Tatsache geschuldet, dass es schlicht nichts mehr gab was ihn geschlossen halten könnte.

„Schau mich nicht so vorwurfsvoll an.“ murmelte Lothessa und erwiderte den starren, unbeweglichen Blick der humanoiden Überreste, bevor sie sich einem alles andere als aufgeräumten Arbeitstisch zu wandte. Ein aufgeschlagenes Buch neben verkorkten Reagenzgläsern, manche davon lose herumliegend, Kolben, eine kleine, kurbel betriebene Zentrifuge, mit allerlei mehr oder weniger obskuren Objekten gefüllte Einmachgläser und Unmengen von unsortierten, furchtbar krakeligen Notizen.

[Thessi! Mir kommt da 'ne Idee.] „Sehr schön. Leg sie zur Wiedervorlage auf den Stapel mit den anderen Dingen, die ich bis morgen vergessen habe, ja?“ faselte sie leise, zynisch vor sich her, blätternd, lesend und hin und wieder nach etwas auf dem Tisch suchend. Das Stimmlein ließ sich nicht beirren. [Die nächste Kiste öffnen wir, ~bevoooor~ …] „Nein!“ Vier resolute, entschiedene Buchstaben - hier gab es keinen Raum für Verhandlungen. [Aber …] „NEIN!“

[… Langweilerin.]

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