[Kurzgeschichten][Gilneas] Die Tränen meiner Heimat

INHALTSVERZEICHNIS
Prolog

Aller Anfang ist schwer + Der dunkle Wald

Gelt und andere Gefahren TEIL I

Gelt und andere Gefahren TEIL II

Gelt und andere Gefahren TEIL III

Irgendwo, irgendwann an einem fernen Ufer findest du eine Flaschenpost. Sie muss schon vor einer Weile angespült worden sein, aber ihr Inhalt scheint sicher vor den zerstörerischen Gewässern verkorkt gewesen zu sein.

Es regnet schon wieder, eigentlich schon seit der Mond am Horizont versunken ist – wie so oft. Ein perfekter Tag zum Schreiben also.

Lang ist‘s her, dass ich Papier für meine Flaschenpost in die Hände bekommen habe. Nun ja, gewissermaßen ist das nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass unsere Heimat immer noch ihren andauernden Kataklysmus erlebt.

Meine eigene Person ist dabei nicht viel besser dran, so fürchte ich. Die Ruinen von Gilneas bieten immer weniger, je länger diese vermaledeite Anarchie anhält. Hunger ist alles, was ich kenne, und diese furchtbare vom Licht verlassene Langeweile. Dabei war mein Leben damals so anders, vor dem Fluch und dem niederträchtigen Angriff der Untoten, diese bösen Halunken der dunklen Lady oder wie auch immer sich dieses Monster nun nennen mag. Prinzenmörderin sollte man sie brandmarken, Schlächterin meines Volkes.

Ich merke, dass ich meine Aufmerksamkeit schon wieder auf die schlimmen Dinge in meinem Leben richte, was ein aufrechter Gilneer niemals tun sollte. Wir sind ein starkes Volk von eigensinnigen, aber willensstarken Menschen und wir verlieren die Hoffnung nicht.

Dennoch muss ich diesem Blatt Papier gegenüber zugeben, dass ich nun allein bin. Allein in meiner Taverne, allein in meiner Zuflucht. Allein in meiner zu gebretterten Kaschemme, die von Tag zu Tag weiter verfällt. Früher konnte man in Gilneas noch anständig plündern gehen und sich Vorräte für Reparatur sichern, aber diese Tage sind doch schon lange Geschichte und ich frage mich, wo meine alten Kumpanen von damals geblieben sind. Meine wertgeschätzten Freunde und Freundinnen von der gilnearischen Volksmiliz, deren Mitglied ich auch einmal war. Als lebenslanger Wirt habe ich immer mein absolut Bestes getan, um die Truppe ernährt und munter zu halten – auch wenn Aedan sich durch meine Vorräte gefressen hat wie ein Oger aus den Bergen sich an den Schafsherden des alten Norton gütlich getan hat. Mit großer Sicherheit hat er sich jedoch mit seiner großen Klappe und der Waghalsigkeit in ein frühes Grab befördert, wenngleich ich ihm vermutlich unrecht tue. Vermutlich ist er bei Ahndor. Ahndor wusste immer, was zu tun ist. So wie er sich gab war er ein Mann der Armee, aber die gab es ja praktisch seit dem Fluch nicht mehr, also trieb er sich in meiner Taverne rum. Milch gesoffen, wie ein Kalb, hat der Mann, aber genauso gut schießen und dabei auch noch treffen konnte er. Vielleicht sind die Beiden mittlerweile in Sturmwind und dienen Graumähne, aber ich will nicht drüber nachdenken, ob sie den Wall passieren konnten bei den ganzen Untoten dort. Geschwommen in die Hügellande sind sie jedenfalls nicht, auch wenn Ahndor so oft tat, dass er es könne. Die gnadenlose Strömung reißt jeden noch so starken Worgen unter Wasser und der ständige Regenfall macht es auch nicht besser.

Dann war da noch der Mann, der an Land gespült wurde. Der alte Garlin, ein Fischer. Bei Graumähne, wir haben immer gut gegessen, als er noch bei uns war. Verdammt sei das Fieber, das ihn geholt hat. Ich mache mir heute noch manchmal Vorwürfe, weil wir uns nicht in die Hauptstadt getraut haben, um bei den Schwarzheulern um Hilfe zu bitten, aber das waren dubiose Leute und will nicht wissen, was sonst hätte passieren können.

Letztlich blieb dann also nur noch Nethalia, die an meiner Untätigkeit verzweifelte. Ich erinnere mich noch an die vielen Gespräche Streitgespräche, die wir führten. Sie war einmal bei der Sturmsieler Stadtwache und konnte das Nichtstun nicht ertragen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie schließlich ihre Sachen packte und für immer verschwand.

Oh, wie konnte ich nur Llewelyn vergessen. Er war ein wirklicher, echter Sportsfreund. In den Zeiten der Rebellion ist er in das Tavernengeschäft meiner Familie eingestiegen und half mit Kredit durch die schlechten Zeiten. Die Paisleys waren eine anerkannte Familie aus Sturmsiel, mit ihrem Namen und natürlich auch ihrem Geld konnte ich neue Kundschaft heranlocken. Nicht für lang, aber ich bin mir sicher, dass der Pfeifende Kessel sich zum besten Wirtshaus von Sturmsiel gemustert hätte, wenn dieser verfluchte Krieg nicht geschehen wäre. Er war ein echter Patriot, so wie ich eben, und blieb mit mir in Gilneas, um das wenige zu verteidigen, das wir noch hatten. Wir waren wie ein Herz und eine Seele. Ich bedauere jeden Tag, dass wir ihn allein in den Schwarzforst schickten – vor allem, weil ich niemals erfahren habe, was mit ihm geschehen ist.

Zum Glück gab es die gelegentlichen Abenteurer oder andere Gilneer, wie mich, die ihr Heimatland nicht aufgeben werden. Ich habe ihre Namen schon alle nicht mehr im Kopf. Ich alter Torfkopf hätte sie mir notieren sollen, denn das Alter verzeiht nicht.

Sieh an, ich habe schon wieder eine Seite mit meinen schwermütigen Worten belastet. Ich muss bis jetzt unzählige Texte dieser Art geschrieben haben. Vielleicht findet diese Flaschenpost ja jemand und leistet mir einmal Gesellschaft. Ich weiß, das ist unwahrscheinlich, aber ein alter Gilneer wird ja in seiner Einsamkeit noch träumen dürfen.

Mit einiger Hoffnung, Gendric Abberworth

P.S:
Bring Fleisch mit!

Hallo, lieber Leser.
Das ist nur ein Versuch meine Zeit in Gilneas ein wenig zu rekapitulieren und vielleicht den ein oder anderen Eindruck, den wir damals im Rollenspiel entwickelten, festzuhalten.

Der schreibende Charakter ist dabei einer meiner liebsten - der gutmütige (wenngleich naive) selbsternannte gilnearische Patriot und Tavernenwirt Gendric Abberworth.
Vielleicht erinnern sich noch einige wenige an unser damaliges Projekt zu Cataclysm „Die Taverne zum Pfeifenden Kessel“. Kern war es Gilneas-Rollenspiel zu ermöglichen, während man gleichzeitig Wert darauf legte selbiges Land als umkämpft, unheimlich und gefährlich darzustellen. Dabei war Ressourcenknappheit immer ein Thema und war auch Teil vieler bespielter Events.

Ich hoffe, man hat ein wenig Freude am Text und wünsche ansonsten noch viel Spaß im eigenen Rollenspiel. :slight_smile:
Bis dahin machts gut!

Anmerkungen:
Charaktere, die auf realen Rollenspielcharakteren beruhen, markiere ich bei deren Einführung dick.
Ich leite all diese Erzählungen mehr oder minder aus meinen Erinnerungen ab, also nagelt mich bitte nicht auf akkurate Darstellung des tatsächlich stattgefundenen Rollenspiels fest. Manche Darstellungen sind angepasst oder erfunden.
Kommentare, Fragen oder Kritik sind gern gesehen.

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Aller Anfang ist schwer

Eine weitere Flaschenpost wird irgendwo an einem gottverlassenen Strand Azeroths angespült.

In letzter Zeit finde ich erstaunlich viel übrig gebliebenes Papier. Vermutlich ist das so, weil ich mich willentlich danach umschaue, aber nichtsdestotrotz eher, weil mir sonst nichts anderes zu tun bleibt.

Sturmsiel wirkt dieser Tage kalt und verlassen, wie eigentlich ganz Gilneas. Aber ich bin hier aufgewachsen und verbinde so viele andere, glücklichere Gefühle mit meiner Heimatsstadt. Meine Schänke war ein gefülltes Haus vor all diesem Schlamassel und ich bin mir schmerzlich bewusst, wie sich mein ganzes Leben in diesen Albtraum verwandelte. Nicht einmal meine Freunde sind mir geblieben, ja nicht einmal meine Feinde. Seit Wochen habe ich schon keine Patrouillen der Leichengesichter mehr ausmachen können, aber ich will auch nicht zu viel hoffen, denn bisher kamen sie immer wieder. Beim Licht, ich kann nicht einmal sagen, ob die Freunde Gilneas‘ überhaupt noch an unserer Seite stehen und für mein Heimatland eintreten. Wo bleibt nur die Allianz? Hat uns Wrynn vergessen, so wie wir die Allianz vergessen wollten?

Anfangs gab es viel Hoffnung. Viele motivierte Gesichter und Helden, die nicht damit leben wollten, dass unser kleines Gilneas so leiden musste. Und für wahr, unser Gilneas hat nicht viel gehabt. Wir hatten vor allem uns selbst und unser Volk musste lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Aber wie viel ist davongeblieben? Ich kann es nicht mit größter Genauigkeit sagen, aber aus meiner Perspektive sieht es so aus, als wäre nicht nur der große gilnearische Wall zerbröckelt, sondern auch dessen Volk.

Aber, wie ich schon ausführen wollte, war es anfangs nicht so. Mut und Hoffnung steckte noch in unseren Knochen und vor allem der Mumm! Derselbe Mumm, der meinen Freund Ahndor dazu verleitete, die gilnearische Volksmiliz zu gründen. Ein Grund, um uns jeden Tag mit Elan aus unseren Betten zu heben und Hand, Fuß und Mund für unser Vaterland einzusetzen. Dabei lief es anfangs doch sehr schleppend für uns, denn es gab viele Gruppen, die dasselbe Ziel verfolgten. Aber mit der Zeit kam die Erfahrung und mit der Erfahrung kamen die Leute. Ich kannte beileibe nicht alle von ihnen und manche Gesellen wirkten doch arg zwielichtig auf mich, aber sie waren stolze Patrioten und mir war einer von denen lieber als ein Dutzend von den Feiglingen, die uns verraten haben.

Ahndor schleppte bald darauf Aedan in meine Taverne, die nunmehr als Hauptquartier für unsere Unternehmungen fungierte. Von geringer Bildung, aber kräftiger Statur war der junge Bursche von nun an oft an Ahndors Seite zu finden. Ich denke, der Junge hat eine Vaterfigur gesucht, die Ahndor ihm wohl kaum bieten konnte. Wenn Männer in fortgeschrittenem Alter alleinstehend sind, dann hat das wohl meistens seine Gründe – ich kann ein Lied davon singen. Und Ahndor war einer dieser Männer, aber ich schätzte, dass ein rauer, willensstarker Mann in einem Fall wie Gilneas immer zu unserem Vorteil sein konnte.

Nethalia auf der anderen Seite stand eines Tages einfach vor meiner Tür. Ich weiß noch welchen Schrecken sie uns einjagte, denn niemand klopft nachts einfach an geschlossene Türen. Und genau das tat sie, während wir in der nächtlichen Sicherheit unseren Kamin ordentlich heizten. Paisley der alte Angsthase schlotterte in seinem Mantel wie ein Hase während der Jagd, ehe ihre tiefe, aber dennoch weibliche Stimme durch die Tür uns die Sicherheit gab, dass dort kein Verlassener auf uns lauerte. Sie erklärte, dass sie in die Heimat zurückkehrte, um in Sturmsiel nach dem rechten zu schauen und ich war froh, dass wir sie nun in der Miliz willkommen heißen konnten.

So viele Leute stießen in der Zeit zu uns, aber einige von ihnen blieben nur kurz. Ich erinnere mich an einen Anwalt, der sich Ahndor bei einer Erkundungsmission in der Nähe von Witterfront anschloss, aber ich hatte auch nie das Gefühl, dass er sich richtig wohl fühlte bei uns. Anders war es da mit einem gewissen Gregor Gelt. Ha, diesen Namen werde ich wohl nie vergessen. Dieser Bär von einem Mann, der kaum durch die Tür meiner Taverne passte. Er erklärte, er sei auf der Suche nach einem wichtigen Familienerbe und wir waren durchaus bedacht ihm zu helfen, denn wir achteten in der Regel einander und außerdem versprach er uns Plündergut aus dem Haus seiner Familie. Er blieb danach eine ganze Weile und seine körperliche Figur war uns oft ein Segen, wenngleich er einen ähnlichen Appetit hatte wie der junge Aedan. Ich habe leider nie erfahren, was aus ihm oder der Mission wurde, aber ich frage mich was aus Gelt geworden ist. Ich hörte nur, dass er eines Tages nach einer Aufklärungsmission nicht zurückkehrte – vermutlich hat er einfach gefunden, was er finden wollte. Es ist jedoch immer eine Schande, wenn die Männer und Frauen Gilneas‘ ihre Heimat verlassen. Da gab es auch noch die Magierin Lamola, die sich im Tausch für ein paar Münzen gelegentlich in meine Taverne absetzte. Sie wirkte ständig auf Zack, abgekämpft und irgendwie nicht ganz anwesend, aber ich verschließe niemals meine Tür vor stolzen Gilneern, die unser Heimatland beschützen. Auch sie kam irgendwann nicht wieder.

Ich darf unseren Händler nicht vergessen, auch wenn er ein schweinsgesichtiger Wucherer war. Lorgan Hall, dieser Name hallt nach. Lorgan Hall. Ich behaupte, ohne ihn hätte ich die Truppe nicht ernähren können in der Anfangszeit, als wir noch so viele waren. Hall war ein gewiefter Geschäftsmann, der Profit witterte, und schließlich fand er uns auch. Ich weiß nicht wie und ich kann es mir auch heute noch nicht ganz erklären, aber irgendwie fand der Kerl einen Weg nach Gilneas, um frische Vorräte ins Land zu schmuggeln. Für einen Preis natürlich, einen deftigen Preis. Lebensmittel, Bier, Waffen, alles was das Herz begehrt. Sogar Tabak konnte der Mann uns beschaffen, was die Moral hob. Sonst bliebe ihnen nur der Ersatz aus den Wäldern und kein Mensch raucht gerne diesen Kräuterknaster, der in den Lungen brennt wie Feuer. Er belieferte uns eine Zeit lang, bevor auch er nicht mehr kam. Wahrscheinlich macht der Drecksack sich mit gilnearischem Blutgeld gerade eine schöne Zeit im sonnigen Süden. Seine Söldnertruppe war jedenfalls mit allen Wassern gewaschen, aber ich fühlte mich immer sicherer, wenn sie für die Zeit in der Taverne rasteten. Der Zwerg ist mir dabei am meisten in Erinnerung geblieben, denn es war selten, dass sich Zwerge nach Gilneas verirrten und noch viel seltener geschah es, dass sie sich mit Runenmagie auskennen - oder wie auch immer er dieses Hexenzeug nannte. Ansonsten brachte er die üblichen Gestalten mit: Schläger, Schützen, Plünderer. Noch viel zwielichtigere Zeitgenossen als unsere eigenen Leute, aber es gab eigentlich nie Ärger und insgeheim war ich froh, dass Hall seinen Weg zu uns fand.

Ich könnte noch eine Geschichte über den alten Garlin erzählen, aber für heute muss es reichen zu wissen, dass wir ihn halbertrunken aus dem Meer gefischt haben. Der greise Fischersmann verdient wahrlich eines Tages seine eigene Flaschenpost.

Diese Geschichte freudig erwartend, Gendric Abberworth

Der dunkle Wald
Halb vergraben im Schlick des Ufers findest du eine Flasche, welche ein zusammengeknülltes Pergament enthält. Du zerschlägst das Glas vorsichtig, um an das Schriftstück zu gelangen.

Ich habe wieder einmal mehr Papier zu fassen bekommen und dieses Mal möchte ich es meinem Freund Llewelyn Paisley widmen. Paisley war ein wirklich guter Freund und ich hätte Gilneas sicherlich verlassen, wenn er nicht gewesen wäre. Ich hörte, meine Volksgenossen wären nach Kalimdor, einem Kontinent im fernen Westen, gereist und hätten Zuflucht bei Elfen gefunden, aber sein wir doch mal ehrlich: Alles, was je von Elfen kam, ist Humbug und wird auch ewig Humbug bleiben. Selbst der Worgenfluch ist ihre Schuld. Ich bin ohne sie besser dran, jawohl!

Kommen wir zurück zu Paisley, dem alten Tausendsassa! Er hatte tatsächlich keine Ahnung vom Tavernengeschäft, aber von den ganzen Münzen schon. Ich muss ja zugeben, dass ich schon immer schlecht im Rechnen war, aber der Mann hatte was im Kopf. Alle Paisleys waren so, schließlich konnten sie die Schule besuchen. Ich hatte zum Glück meinen alten Herren und meine gnädige Frau Mutter, die mir die Taverne vermachten. Während Llewelyn sich also in der Schule den Kopf zermartern musste, habe ich im Ausschank mitgeholfen. Manchmal haben sogar die Mädchen der Familien, die unsere gute Stube besuchten, mit mir geredet. Gelegentlich wünsche ich mir diese einfachen Zeiten zurück, aber ich weiß, dass das nie geschehen wird.

Vielleicht sollte ich endlich darüberschreiben, wie er uns verlassen hat. Vielleicht lindert das die Schuld.

Es war noch ein früher Morgen. Ich war natürlich bereits wach, um Wasser holen zu gehen, schließlich war es Graupensuppentag! Paisley war es natürlich nicht, weil er immer lang zu schlafen pflegte. Ich muss zugeben, dass mich diese Eigenart schon immer ein wenig fahrig gemacht hat, weil wir mit seiner Hilfe so viel mehr hätten erreichen können, aber letztlich wäre der schmächtige Kerl bei vielen Dingen sowieso nur im Weg gestanden. Zum Glück waren die anderen Herrschaften eine tatkräftigere Hilfe, auch wie sich später noch herausstellen sollte.

Als ich also nach draußen stapfte, noch mit meiner vertrauenswürdigen Laterne und meinem alten Eimer bewaffnet, offenbarte sich mir dieser fiese, unnatürlich kalte Herbstmorgen, wie ich ihn schon seit Jahren nicht mehr erlebt hatte. Ich dachte mir nichts dabei und trat auf die Regenwassertonne zu, die eigentlich jederzeit gut gefüllt war. Ich erinnere mich nur an wenige Tage, wo wir Sumpfwasser nehmen mussten – doch war es einmal abgekocht haben wir allerdings ohnehin keinen Unterschied gesehen.

Plötzlich schreckte ich jedoch hoch, als unzählige Krähen das Dickicht verließen, das wir Gilneer den Schwarzforst nannten und meine Taverne lag direkt nebenan. Sie stieben wie wild auseinander, fast wie Wasser auf heißem Öl. Ich hätte mir dort Sorgen machen sollen. Doch ist dieser Wald enorm und wer weiß welches Tier dort gerade ein anderes gerissen hat oder womöglich war es ein Worgen auf der Jagd, dachte ich. Nethalia konnte sich ihrerseits auch wesentlich besser an unsere neue Form gewöhnen, wie ich es zum Beispiel niemals konnte, und ich erklärte mir, dass sie vielleicht auf der Jagd sei.

Blass und durch die Kälte angeraut betrat ich also mit gefülltem Eimer wieder die Taverne, um schließlich doch unser Mittagessen vorzubereiten. Unser einziges Essen für den Tag, um genau zu sein, wenn man mal Aedans Rindenkauerei beiseitelässt.

Ein Schrecken fuhr mir durch das Rückenmark als Nethalia, während das Süppchen ordentlich kesselte, die Treppe herunterschlurfte, um mich noch halb verschlafen zu grüßen. Ich beschloss Ruhe zu bewahren und erwähnte nichts von den Raben, denn ich hatte schon einige Untoten-Patrouillen falsch angesagt und die Kumpanen von der Volksmiliz wurden langsam rappelig. Ich scheinbar auch, dachte ich.

Schließlich erwachten auch Ahndor, der alte Garlin und Aedan. Sie wachten immer auf, wenn ich mich vor den Kessel stellte, um aus dem Wenigen, das wir hatten, etwas zu machen. Und heute war es eben Graupensuppe, um die ich mich pflichtbewusst kümmerte, anstatt mir Sorgen über schlechte Omen zu machen.

Der Tag floss dabei hin, wie er es immer tat. Ahndor stellte Bleikugeln aus Plündergut her, kümmerte sich um den gelegentlichen Bierkrug, den ich ihm hinstellte. Bier gab es noch reichlich, dafür habe ich gesorgt und ab und zu kamen ja auch Lieferungen von unserem Händler Lorgan Hall – jedenfalls Anfangs. Rückwirkend muss ich gestehen, dass ich lieber mehr Nahrungsmittel hätte einkaufen sollen, aber durch die Plünderungen der Truppe hatten wir da sowieso ein wenig Spielraum. Garlin wollte zwar fischen gehen, allerdings zog so ein gemeiner Sturm auf, dass er es sich lieber vor dem prasselnden Feuer gemütlich machte. Das tat auch den Knochen dieses weißbärtigen Klabautermanns weitaus besser als das unbequeme Fischerboot, das wir einmal in der Nähe von Witterfront erbeuteten. Aedan sägte im Stall draußen derweil einige Bretter zurecht, damit wir die Taverne weiter befestigen konnten. All das, während mein guter Freund Paisley noch selig im Reich der Träume schlummerte.

Gegen Mittag klärte sich das Wetter ein wenig, allerdings war es immer noch so unglaublich kalt, so dass wir letztlich alle näher ans Feuer rückten und uns mit Decken wärmten, um Geschichten und die ganzen Albernheiten auszutauschen, für die man in zivilisierteren Zeiten keine Zeit hat. Paisley trug sich schließlich irgendwann aus dem Bett und ertappte uns auf frischer Tat, wie wir schon das Mittagessen ohne ihn beginnen wollten. Unser letztes gemeinsames Mittagessen mit ihm.

Der restliche Tag verlief dabei ohne besondere Ereignisse, beinahe war es wie jeder andere Tag, aber jeder Tag ist wie der letzte Tag – bis er es nicht mehr ist. Nur wurde es immerzu kälter und selbst die Krähen kehrten nicht in den Wald zurück, darauf hatte ich ein Auge. Bis zum Abend verkrochen wir uns wie faule Köter vor dem Feuer, ehe wir uns unserem üblichen Abendritual widmen wollten. Dem Tee.

Seinem ständigen Laster frönend, dem Rauchen einer Pfeife, stand Paisley also irgendwann vor mir und erinnerte mich daran, dass unsere Kräutervorräte sich einem Ende geneigt hätten. Der Wald biete genug wilde Waldkräuter, sagte er, und jemand müsse nur seinen faulen Hintern bewegen. Dieser faule Hintern, so beschloss die Gruppe, war niemand geringeres als Paisley selbst. Schließlich war er derjenige, der sich oft seinen Schlaf auf Kosten aller anderen Anwesenden sicherte. Murrend protestierte er, aber Aedan machte ihm auf seiner ruppigen Art und Weise deutlich, dass er jetzt besser vor die Tür treten sollte.

Ich glaube, das Letzte, was ich von Paisley sah, war sein grimmiger Blick und das hastige Umschlagen seines rabenschwarzen Mantels. Ich drückte ihm den Kräuterbeutel in die Hand und sah ihn davonziehen, selbst die glimmende Pfeife nahm er mit hinaus ohne weitere Worte an uns zu verlieren.

Es wurde spät. Viel zu spät. Wir hatten unsere Teezeit schon längst aufgegeben, da verspürte Aedan einen furchtbaren Kopfschmerz. Es war sicherlich nicht das Bier, das wir uns stattdessen zum Besten gaben, sondern viel heimtückischer, viel perfider. Er stammelte nur von einem ekelerregenden Schwindel, den er nur mit Mühe unterdrücken könne. Dann blies der Wind wie verrückt durch die Ritzen des Pfeifenden Kessels, welcher den Schankraum mit einer unheiligen Kälte erfüllte, die uns das Blut in den Adern gefror und unser Kaminfeuer entkräftete. Aedan riss die Augen auf, wirkte panisch und krümmte sich vor scheinbarem Schmerz. Die anderen zogen die Decken näher an sich und ich bin mir sicher, dass Ahndor zu seiner Waffe griff.

Dann war alles still, nur das Lodern des Feuers hallte durch den Raum und das erschöpfte Keuchen Aedans. Die Hände an den Kopf gepresst und bleich wie kreide wirkte er, als ob er einen Geist gesehen hätte, ehe er mit schwacher Stimme erklärte: „Ich habe gehört wie Knochen auf Knochen rieben, direkt in meinen Kopf. Dann fühlte es sich so an, wie wenn man nachts aufwacht und das Gefühl hat, dass etwas einen beobachtet.“ Wir waren alle geschockt nach diesem Erlebnis, obwohl die Truppe mit allerlei Wassern gewaschen war. Der alte Garlin sprach nur von Hexerei und bestand darauf, dass wir ab sofort die Türen nachts mit Kisten verbarrikadierten. Ein guter Rat.

Paisley kehrte nach diesem Abend niemals wieder zu uns zurück und wir setzten keinen Fuß mehr in den Schwarzforst. Vorerst.

In ewiger Schande, Gendric Abberworth

Nunja, heute mal zwei Geschichten. Ich schätze, das schadet nicht. Was soll man dazu sagen? Kreative Phase? Naja, ich hoffe man hatte Spaß beim Lesen.
Habt einen schönen Tag!

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Gelt und andere Gefahren TEIL I
Eine Flaschenpost in Extralänge wird irgendwo an einem fernen Strand angespült und bettet sich komfortabel in den Schlick, bereit durch einen eifrigen Leser verschlungen zu werden.

Ich habe eine ganze Kiste voller Pergamentpapier gefunden und dies versetzt mich in freudigste Laune! Ich habe zwar das Jagen dafür einige Tage vernachlässigt und ich bezweifle, dass ich in absehbarer Zeit etwas Ordentliches in die Kauleiste bekomme, aber letztlich gibt es ohnehin nur mich, den es hier überhaupt kümmern kann. Nethalia hätte mich damals dafür sicherlich angebrüllt, aber ich spiele hier mit einer der wenigen Freuden, die man sich in diesem heutigen Gilneas überhaupt noch leisten kann.

Es war still, nachdem Paisley uns verließ und wir wagten einige Tage kein Wort darüber zu verlieren. Wir hatten akzeptiert, dass gewisse Dinge außerhalb unserer Macht lagen und wir nur so gut weitermachen konnten, wie wir es eben konnten. Der Schwarzforst war nun ein Ort des Übels, so dachten wir alle, jedoch unfähig dies den anderen gegenüber auszudrücken. Selbst der so redselige Aedan zog sich zurück. Um sich zu sammeln, wieder Herr über seine Sinne zu werden, denn ihn hatte dieser verhängnisvolle Abend am meisten in Mitleidenschaft gezogen. Er sprach wochenlang von Stimmen und eigensinnigen Gefühlen, die er wahrnahm. Er war so distanziert und argwöhnisch, der Junge. Abseits davon war es für uns alles irrsinnigerweise wie immer. Komisch, nicht? Wie sich etwas so eindeutig verändern kann und man nimmt es einfach nicht wahr? Als wäre es immer schon so gewesen, aber eigentlich nicht. Man würde meinen, dass uns das Verschwinden meines Geschäftspartners und Freundes Llewelyn Paisley stärker auf die Nerven hätte schlagen sollen, aber wir hatten alle bereits so viel verloren und wenn man die anderen Opfer bedenkt, die wir in unseren Leben bis zu dem Zeitpunkt hinnehmen mussten, dann wirkte die Abwesenheit eines einzelnen Mannes im Vergleich vielleicht nicht so groß.

Sicherlich gab es gute Gründe besorgt zu sein. Ich denke heute, dass wir es auch alle waren, jedoch muss man unsere allgemeine Lage bedenken. Gilneas war nach dem Worgenfluch und dem Einfall der Untoten ein geändertes Land, wir selbst waren aller Teil davon. Ja, man könnte sogar sagen, dass wir nun Gilneas waren. Ein Spiegelbild seiner Gesellschaft. Ich will nicht behaupten, dass es keine Hoffnung gab, aber Gilneas ist ein Land für die zerbrochenen und geräderten Seelen. Man fand nach der Zeit des Kataklysmus viele leidvolle Persönlichkeiten, die nun ohne Sinn vor sich hertrieben. Unfähig einen neuen Zweck, der ihnen Leben in die müden Knochen hauchte, zu finden. Doch unser Zweck von der Zuflucht vom Pfeifenden Kessel war es einfach zu überleben und einen neuen Tag zu erleben, jeden Tag.

Eines regnerischen Herbstmorgens begegnete uns jedoch ein Mann, der unser Überleben um seine eigene Geschichte bereichern sollte. Ich war wie üblich bereits wach, um unser Essen vorzubereiten und weiß noch genau, wie ich meinen Eimer gerade an der Regentonne befüllen wollte, als ich das Platschen durchnässter Stiefel auf dem gepflasterten Weg in meinen Innenhof vernahm. Ich spürte ganz genau, wie ich den Worgenfluch an meiner Kehle zerren fühlte und ich war kurz davor mich in dieses unsägliche Biest zu verwandeln, bevor ich eine grollende Männerstimme vernahm, die mir einen herzlichen guten Tag wünschte.

Ich drehte mich und da stand er vollkommen durchnässt. Gregor Gelt, wie er sich nun vorstellte, war eine hünenhafte Gestalt. Größer als ich, selbst als Worgen, und gekleidet in einem beschlagenem, dunkel gefärbtem Lederwams. Schweinsgesichtig, aber durchaus von imposantem Auftreten. „Ich bin auf der Suche nach einer Bleibe während der Herbststürme, Sir.“, hörte ich ihn brummen. Er klang wie einer von uns, daher habe ich ihn auf einen frischen Tee in die Stube hineingebeten. Wir beide betraten den Schankraum und ich machte rasch ein Feuer im Kamin, damit der gute Mann sich aufwärmen konnte, schließlich hatte es die ganze Nacht und den Morgen über geregnet – wer weiß wie lang er sich draußen herumgetrieben hatte. Gelt wirkte in meiner Taverne jedoch irgendwie deplatziert, fast wie ein Oger, den man abgestellt und vergessen hatte. Damals sah ich jedoch einen hilfebedürftigen Mann, der ebenso wie der Rest der Truppe meiner helfenden Hand bedarf. Oder in dem Fall eben meines helfenden Daches.

Als ich ihm also den wärmenden Kräutersud in die Hand drückte, den wir damals Tee nannten und selbst einen minderköstlichen Becher davon probierte, versuchte ich ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Er jedoch lud zunächst seine Bewaffnung von sich, eine wuchtige Streitaxt, einen in die Jahre gekommenen Schild und einen Köcher mit Echtsilberwurfäxten. Ich erinnere mich noch genau, wie er auf die Wurfäxte deutete und mit dreckigem Grinsen erklärte, dass jene für die dusseligen Magier gedacht seien, falls sich welche mit ihm anlegen sollten. „Zum Glück gibt es in dieser Taverne keine Magier“, erklärte ich ihm, worauf er mir nur ein verstohlenes Grinsen entgegnete.

Es vergingen Momente des Teeschlürfens, bevor ich den Mut sammeln konnte, um den Mann nach dem Grund seiner Ankunft zu fragen. Jedoch war es einerlei, denn, noch bevor ich fragen konnte, sprach er frei aus sich heraus. „Hört, ich bin erst seit kurzem wieder in Gilneas und weiß auch nicht, wie lang ich bleiben werde. Es steht jedoch fest, dass ich einen Unterschlupf brauche und vor allem warme Mahlzeiten.“, erzählte Gelt mit einer gewissen Ruhe in der Stimme. Er gab mir so die Zuversicht, ihm beides gewähren zu können. „Ich kann auch mit barer Münze zahlen“, fügte er hinzu, was mich noch zuversichtlicher stimmte. „Und ich muss nach Kielwasser, um dem Haus meiner Familie einen letzten Besuch abzustatten. Wichtige Familienerbstücke, ihr versteht schon. Könnt Ihr mir dabei behilflich sein?“

Ich zögerte einen Augenblick und nahm einen Schluck Tee, um dabei in Ruhe meine Gedanken zu sortieren. Ein Mann, der vollkommen allein und durchnässt vor meiner Taverne auftaucht, will nach Kielwasser, was am anderen Ende dieser von Untoten verseuchten Halbinsel liegt? Genau die richtige Mission für die gilnearische Volksmiliz. Nach einigen Momenten nickte ich also bedächtig, während ich meinen Tee zur Seite stellte. Nun galt es Geschäfte zu machen, denn wir brauchten schließlich auch Hilfe, um die Gegend nach Ressourcen abzusuchen und sein Geld war gern gesehen. Halls Warenlieferungen wurden zusehends teurer und unsere Kasse wurde Monat zu Monat kleiner.

Es verstrichen einige Minuten, bevor wir unsere Standpunkte einander mit Ausdruck verleihen konnten, aber schließlich standen wir uns Hände schüttelnd gegenüber. Ich erinnere mich noch gut, wie sehr er mit dieser bärigen Pranke zupressen konnte. Nun galt es nur noch die Truppe von seinem Anliegen zu überzeugen, aber das war letzten Endes auch kein großes Problem, denn es gab ohnehin nur wenig neue Gesichter in unserer Mitte und Gelt war eine willkommene Abwechslung. Nur Nethalia wirkte misstrauisch, aber das lag in ihrer Natur. Sogar Aedan konnte sich mit dem Neuankömmling ein wenig von seinem geplagten Verstand erholen, was mich beruhigte. Ich erklärte Gelt jedoch persönlich, dass er niemals den Wald zu betreten habe, was er ohne weiteres Murren akzeptierte. Ahndor bestand darauf mit Gelt einige Worte zu wechseln, schließlich sah er sich als unser militärischer Anführer. Ich konnte mich also wieder in aller Seelen Ruhe meinen Kochkünsten widmen und kredenzte unserem neuen Truppenmitglied eine herzhafte Linsensuppe, an die ich mich bis zum heutigen Tage gern zurückerinnere.

Ahndor suchte mich bei untergehender Sonne auf, als ich trübsinnig auf meiner vom Wetter gezeichneten Bruchsteinmauer lehnend in den Schwarzforst starrte. Es brauchte ein deutliches Räuspern, ehe ich ihn überhaupt bemerkte. Für einen Säufer hatte der Mann flinke Füße, das muss ich zugeben. Direkt, wie Ahndor war, kam er direkt zum Punkt. „Gelt hat etwas zu verbergen, Abberworth“, versuchte er mir zu erklären, aber ich konnte nur abwinken. „Jeder hat Geheimnisse und es wird nicht unsere Aufgabe sein nach ihnen zu graben.“, erwiderte ich mit der Erfahrung eines Tavernenwirts. Es war immer einer meiner Stärken die Neugier ruhen und den Geschichten der Leute freien Lauf zu lassen, unberührt von meinen Erwartungen und Prinzipien. Ich sah mich nie als den Helden unserer Truppe, der aller Kosten zum Trotz seinen Willen durchsetzen musste. Alle wussten nur, dass Gendric Abberworth der Mann war, der die Truppe zusammenhielt und das war gut so. Dennoch versicherte ich Ahndor an diesem Abend, dass wir in Zukunft vorsichtig bleiben sollten. Ahndor murrte antwortend:“Schätze, dann muss ich wohl noch ein paar Dolche schmieden und mehr Kugeln gießen.“, und das sollte er auch tun. Da der Abend und seine Kälte ohnehin bald über uns hineinbrechen würde, huschten wir hastig zur Feuerstelle, die ich Gelt zudem als Schlafplatz zuwies. Die Betten waren ohnehin alle belegt und er überragte sie sowieso in Länge und Breite. Und er wäre in dem Fall auch der Erste gewesen, der sich ungewolltem nächtlichen Besuch hätte entgegenstellen müssen, was mir aufgrund seiner Statur doch ein Gefühl von Sicherheit ins Herz trieb.

In dieser Nacht konnte ich nur einen sehr unruhigen Schlaf finden und das lag nicht einmal an der fremden Person, die nun unter meinem Dach schlief. Ich behaupte, Menschen einschätzen zu können und Gelt war definitiv kein Risiko für die Truppe, solange wir uns nicht im Weg standen. Es half auch nicht, dass diese bitterkalte Herbstnacht mir einen Wind durch das Dach blies, der mich daran erinnerte wie Aedan an diesem verheißungsvollen Abend zusammenkrümmte. Ich weiß noch ganz genau, wie ich meine Decke näher an mich zog, als mir ein Baum-gewordener Gedanke, der mir anfänglich vor Tagen wie ein sprießender Schössling in den Verstand kroch. Aber schlimme Gedanken kommen und gehen. Man darf sein Leben nicht auf sie versteifen und sich durch Ängste bestimmen lassen, die die Zukunft verhunzen und einen Menschen geringer werden lassen, als er ist. Ein guter Schluck aus meinem altgedienten Flachmann half mir zwar nicht meine Angst loszuwerden, aber er trieb mich zumindest in Richtung Schlaf, vorerst.

Ein trommelnder Donnerschlag und das stetige Prasseln des Regens weckte mich irgendwann am nächsten Morgen, was mich angesichts meines wenigen Schlafs in der vergangenen Nacht verdrießlich stimmte. Ich haderte mit mir und konnte mich, ganz unüblich für mich, nicht aus dem Bett tragen, um meiner Pflichten nachzugehen. Dabei musste ich mich vollkommen unwillkommen fragen, ob schlechter Schlaf auch der Grund für Paisleys lange Ruhezeiten gewesen sein mag, was mir nicht nur ein schlechtes Gewissen bereitete, sondern mir auch einige Momente des Verharrens im gemütlichen, warmen Bett ermöglichte. Ein Poltern riss mich jedoch aus meiner Gedankenwelt in die Realität und direkt in meinen Wollmantel, schließlich musste ein Wirt über Krach in seiner Taverne Bescheid wissen.

Als ich also meinerseits die Treppen hinunterpolterte fand ich einen tüchtigen Gregor Gelt vor, der sich bereits um das Feuer gekümmert hatte. Zu meinem Nachteil hatte er dabei einen solchen Radau gemacht, aber zum Glück musste ich mich nicht mehr ums Feuer kümmern. „Holz ist fast aufgebraucht“, brummte Gelt wie eine unzufriedene Dogge. Ich nickte nur und ergriff erst das Wort, als ich mich erneut der Gedanke ergriff, der mich in der letzten Nacht so ängstigte. „Wir können nicht allzu tief in den Wald für trockenes Holz streunen“, erklärte ich ihm abermals und fuhr mit einer nicht weniger wahren Ausschmückung der Realität fort: „Es ist nicht sicher. Riesenspinnen, Untote und anderes Gezücht lauert dort. Wir sollten anderswo nach Holz suchen.“ Gelt starrte mich für einen Augenblick an, als würde er nachdenken. „Wir könnten natürlich weiter nordwärts in der Nähe von Witterfront Holz schlagen gehen, aber das ist eine gute Weile von hier entfernt.“, konstatierte er. Der Mann hatte natürlich Recht und angesichts unserer Lage sah ich uns in der Lage zwei lose Enden zu verknüpfen. Also schlug ich vor, dass wir uns alsbald nach Kielwasser aufmachen sollten, um Gelts Anliegen dort zu klären, sodass wir auf dem Rückweg ein paar Bäume fällen können. Gelt schien einverstanden zu sein, was mich nicht weiter überraschte. Vermutlich dachte er, dass wir diese Mission immer weiter aufschieben würden, damit wir von seinen Diensten profitieren konnten.

Es galt nun die Truppe aus den Federn zu treiben, damit wir am selben Tag noch aufbrechen konnten. Die Eile war geboten, weil es draußen noch so unheimlich stürmte. Normalerweise würde niemand mit intaktem Verstand in solch einem Getose aufbrechen wollen, allerdings bot der Sturm uns wertvollen Schutz vor untoten Augen, was natürlicherweise im Interesse meiner Freunde war. In Absprache mit der Gruppe beschlossen wir, dass Garlin zurückbleiben solle, um auf unser Hab und Gut aufzupassen. Nicht, dass der alte Tattergreis etwas gegen Plünderer oder weiß Graumähne was hätte ausrichten können, aber wir hätten ihn auf der Expedition ohnehin nicht wirklich gebrauchen können. Außerdem war er Zuhause bei der Herstellung von Räucherfisch weitaus besser aufgehoben und ich denke, dass sich alle darüber freuten nach Tagen der Reise etwas Ordentliches in die ausgemergelten Bäuche zu bekommen. Es galt es Vorbereitungen zu treffen, Proviant zu verstauen, sich wetterfeste Kleidung anzueignen und natürlich musste auch die Route geplant werden. Natürlich durfte auch die geeignete Bewaffnung nicht fehlen, aber ich vertraute dort seit langem dem Gewehr meines alten Herrn und einem überaus scharfen Dolch. Wir wollten mit einem Karren in Richtung Witterfront aufbrechen und ihn dort verstecken, dann weiter in die Hauptstadt reisen, welche hoffentlich nicht von Untoten besetzt sein sollte, und wenn alles nach Plan lief, wären wir in ein paar Tagen in Kielwasser gewesen, wo Gelt sich seinem häuslichen Anliegen widmen wollte. Keiner fragte ihn zu dem Zeitpunkt, weshalb wir uns überhaupt die Mühe machen sollten ihn nach Kielwasser zu bringen, aber bare Münze hat schon so einigen Leuten eine gute Motivation dazu gegeben das Haus zu verlassen, selbst wenn der Nether über ihren Köpfen hereinbrechen sollte. Letztlich verließen wir den Pfeifenden Kessel mit Rücksäcken bepackt und waren bereit Gelts Auftrag zu erfüllen.

Als Gilneer waren wir es zwar gewohnt, aber, beim Licht, der Regen peitschte uns stundenlang an diesem stürmischen Nachmittag unerbittlich entgegen. Zum Glück war die Straße gepflastert, ansonsten wäre unser Wagen womöglich mehr als einmal im Schlamm versackt. Nethalia bot mehrere Male an, ihn in ihrer Worgenform zu ziehen, allerdings zeigte sich Gelt bemüht ihn selbst zu schleppen. Dieser bärenhafte Mann war wie geschaffen für körperliche Arbeit und schien, ähnlich wie ich, Reserviertheit gegenüber der banalen Nutzung der Worgengestalt zu haben. „Sag mal, Gelt, warst du eigentlich schon die ganze Zeit in Gilneas oder bist du erst wieder hier hingereist?“, brachte Aedan die Langeweile hassend hervor. Der Hüne machte zunächst keine Anstalt zu antworten, aber warf letztlich doch einen Blick über die Schulter zu Aedan hin. „War 'ne verdammt anstrengende Sache über den Wall zu klettern.“, antwortete er mit einer zweifelhaften Amüsiertheit in der Stimme. Aedan verzog nur die Augenbrauen und schien in seiner Einfältigkeit Bewunderung für den offensichtlichen Scherz zu finden. „Als Worgen ist das einfacher als gesagt.“, erklärte Nethalia hastig, die immer großen Stolz in ihrer neuerworbenen Fähigkeit fand. „Bin kein Worgen“, stellte Gelt fest. An der Stelle fühlte sich Aedan berufen, dem Mann brüderlich einen Klaps auf die Schulter zu geben, denn auch er war kein Worgen. Ich erinnere mich noch genau, wie der Donner anfing in der Ferne zu grollen, als ich anfing beide um ihr fluchloses Schicksal zu beneiden. Unterbrochen wurde ich nur durch Ahndor, der sich deutlich räusperte und knapp bemerkte: „Ärger voraus.“

Die Brücke nach Witterfront wurde durch eine Bande gehalten, die sich, meiner Meinung nach, in ihrer Worgenform verloren hatte. Ihr Anführer Galdwin kehrte einige Male in meiner Stube ein, um nach Vorräten zu stöbern, aber nach diesem Tag hatte sich diese Angelegenheit wohl endgültig verabschiedet. Ahndor spuckte angewidert auf den Boden, als wir uns dem Massaker der nördlichen Brücke näherten. Aufgespießte Worgenkadaver, deren Köpfe feinsäuberlich abgetrennt auf dem Boden ruhten, waren fast zeremoniell auf der Brücke befestigt. Galdwins geschundener und halb verwester Worgenkörper hing an einem Seil die Brücke hinunter, um, mit dem Banner der Verlassenen bestückt, jedem Gilneer eine Warnung zu sein, der sich diesen finsteren Halunken entgegenstellen wollte. Mein Magen war zum Glück nicht besonders gefüllt, denn dieser Anblick hätte ihn sonst sicherlich in Gänze erschüttert. Ich schlug vor, dass wir diesen Makel aus dem Antlitz der Welt tilgen sollten, aber Gelt stellte ruckartig den Karren ab und versicherte mir mit eisernen Worten:“Das dauert zu lange und sicherlich gibt es hier Späher der Untoten. Wir sollten weiter“, und setzte seinen Weg samt Karren fort. Ahndor stimmte ihm zu, weshalb wir meinen Vorschlag nicht weiter in Betracht zogen. Es war beunruhigend die Untoten so weit vordringen zu sehen, insbesondere weil Sturmsiel nicht weit entfernt von der nördlichen Passage nach Witterfront lag. Ich denke, wir alle machten uns ähnliche Gedanken, aber Aedan und Nethalia wirkten in besonderer Art und Weise ergriffen, schließlich waren die Beiden oft auf Plünderzug und, wenn sie einer Patrouille der Untoten in die Hände geraten sollten, drohte ihnen ein ähnliches Schicksal. Zum Glück war Sturmsiel durch die schroffen Felsen der Riffe vor der Küste vor etwaigen anlandenden Patrouillen geschützt.

Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit, während der Regen uns weiter Bindfäden ins Gesicht spuckte. Einige Hundert Meter voraus hatten sich weitere Kämpfe ereignet, untote Körper und Worgen lagen gleichermaßen tot in Rillen am Wegesrand. Nur der Regen hatte schon lange das Blut aus den Adern der Letzteren gewaschen, was uns zumindest den Verdacht gab, dass die Kämpfe dort schon seit einigen Tage zum Stillstand gekommen waren. Gelegentlich würde man den ein oder anderen streunenden Gilneer auf der Straße zu Gesicht bekommen, aber zu dieser Zeit fand man nur Leichen. Leichen und nicht endendwollender Regen. Bald darauf passierten wir ein altes Gehöft und eine Krähe schrie argwöhnisch, als wir einen weiteren Kadaver passierten, und sie somit vertrieben. „Wir könnten hier den Wagen unterstellen und uns über versteckte Wege in Richtung Hauptstadt aufmachen.“, schlug Ahndor vor, als hätte er einen Plan. Wir alle stimmten zu, schließlich bot der Karren uns keine unmittelbaren Vorteile. „Wir holen ihn auf dem Rückweg.“, ergänzte ich in Hinsicht auf das benötigte Feuerholz.

Wir hatten schon ein gutes Stück Feldweg hinter uns gebracht und wenn es eine Sonne hinter dem Dickicht der dunklen Regenwolken gab, dann senkte sie sich wohl bereits allmählich. Im ländlichen Part des Landes konnte man manchmal vergessen, dass Krieg herrschte, was ich sehr genoss. Ich träumte oft von der Vergangenheit und der Rückkehr zur Normalität und wollte wieder Wirt sein, nicht aus der Not geborener Führer einer Zuflucht. Leider riss mich Nethalia aus meiner idyllischen Gedankenwelt. „Dass wir überall Leichen gefunden haben, bedeutet nichts Gutes! Ich sage euch, das wird unser Untergang.“, murrte sie während ihr wassernasse Strähnen ihres dunklen Haares in ihr gedrungenes Gesicht wippten. Ich entgegnete meiner Kameradin, dass sie solche Dinge ständig behauptete und dass wir immer noch am Leben seien. Gelt sprang mir zur Seite und erinnerte uns mit großer Aufwartung: „Keine Sorge, Freunde. Wir alle profitieren von dieser Expedition. Meine Familie war regelrecht in Waffen vernarrt und ihr werdet euch nehmen können, was ihr wollt. Zusätzlich zu den Münzen.“ Nethalia grunzte unzufrieden, sah sich aber außer Stande etwas gegen dieses vortreffliche Argument einzuwenden. „Aber das würde doch jeder plündern!“, brachte Aedan ungewohnt scharfsinnig hervor. Gelt seufzte und erklärte, dass der Waffenkeller versteckt sei und nur ein Gelt wissen könne, wie man sich Zugang verschafft. „Na, spucks aus, Gelt. Falls du auf dem Weg verreckst, können wir uns immerhin noch bedienen.“, drückte sich Ahndor ein wenig zu ruppig aus. „Ich beabsichtige lebend dort anzukommen.“, stellte Gelt fest, wusch sich die regenbeperlte Stirn mit der Hand frei und beendete somit die Diskussion eigenhändig.

In der Ferne tauchten bald die Giebeldächer unserer geliebten Hauptstadt auf. Was ein Anblick diese Stadt immer noch war. Ich habe nie etwas gesehen, dessen Anblick so prachtvoll war - obschon zu dieser Zeit der Krieg seine Opfer gefordert hatte. Gilneas-Stadt lag strategisch im Zentrum unseres kleinen Gilneas und sowohl Allianz und Horde kämpften unablässig um dessen Kontrolle. Reisende erzählten oft von den Heldentaten der siebten Legion, die im Namen der Allianz für unser Land kämpften und ich war froh, dass wir Unterstützung erhielten. Unser aller Leben hing davon ab.

Wir stapften mit gewisser Aufregung durch den aufgequollenen Schlamm, der durch jeden Schritt begann zu schmatzen und hinterließen dabei unachtsamer Weise Fußspuren, die aber hoffentlich bald durch den Regen hinfort gewaschen gewesen sein mögen, so dachte ich. Diese Gedanken würden ohnehin nicht von Relevanz sein, solange die Allianz die Stadt hält. Ich erinnere mich noch genau daran, wie Nethalia in Worgenform vorpreschte, um unser Ankommen anzukündigen. Uns hätte es auch noch gefehlt, dass ein nervöser Wachsoldat auf uns schoss, weil er uns in diesem dichten Regen womöglich für eine Spähertruppe der Verlassenen hielt. Mittlerweile wurde es auch langsam dunkel und nicht nur Aedan war froh, dass wir die Nacht in der Hauptstadt verbringen würden. Er merkte an: „Meine Familie hatte einen Laden im Händlerviertel. Sie waren Köhler. Vielleicht steht der Schuppen noch und wir können dort die Nacht verbringen. Wenn wir Glück haben, lässt sich sogar noch Kohle auftreiben, die wir entzünden können.“ Ich lachte und entgegnete ihm, dass wir für ein bisschen Wärme doch keine Kohle verschwenden konnten, schließlich benötigte sie Ahndor für seine Schmiede. Ahndor nickte ausladend und Aedan konnte sich nur peinlich berührt an der Stirn kratzen.

Indes sah ich in der Ferne Nethalia in unsere Richtung spurten. Ich machte mir Hoffnung, schließlich bedeutete dies, dass niemand Hinterhalte an dem westlichen Brückenzugang zur Stadt gelegt hatte und ich machte es mir schon in Gedanken in Aedans Laden gemütlich. Aber, wie alle Menschen, so bin auch ich der wohl schrecklichsten aller Gefühle verfallen. Der Hoffnung. Zunächst hörten wir es nicht, aber gedämpft durch den Regen drang schließlich der Schall Nethalias Rufe. Die Hauptstadt war gefallen und untote Patrouillen streiften durch die Straßen unseres geliebten Juwels. Unsere Mission wurde kompliziert.

Nach einiger Wartezeit hab ich nun endlich eine Fortsetzung schreiben können + Cliffhanger. Ich erwarte aber, dass ich relativ zeitig die Geschichte um Gregor Gelt zu einem Ende bringen werde. Wird die Truppe lebendig Kielwasser erreichen können, um Gregor seinem Ziel näher zu bringen? Was ist dieses Ziel überhaupt und wer ist Gregor eigentlich? All das gibts nächstes Mal.

Ich hoffe, ihr habt genauso viel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben. Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen eingerostet war, aber mittlerweile klappt es ganz gut.
Ansonsten wünsche ich noch eine gute Zeit und weise nochmals auf mein Gesuch hin, das ich mittlerweile auch in den Eingangspost gesetzt habe.

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Gelt und andere Gefahren TEIL II

Durch die Wellen offenbart sich eine weitere Flaschenpost, die irgendwo an einem sonnigen Plätzchen der Welt angespült wird.

Hat man sich erst in den Bau eines Bären begeben, ist man dazu gezwungen eine Entscheidung zu treffen. Man kann tiefer hinein oder man rennt um sein Leben, aber an jenem Tag entschlossen wir uns, tiefer in die Dunkelheit zu schreiten. Unsere Hauptstadt war nicht nur Teil unserer Heimat, sie war unsere Heimat und wir haben sie mehr als einmal im Angesicht des Todes verteidigt. Nun aber war der leibhaftige Tod gekommen und beanspruchte sie für sich selbst. Dieser Frevel weckte eine Bestie, selbst bei den Unverfluchten, in unseren Herzen.

Nethalia war außer sich, wie ein heraufziehender Sturm, und stapfte wild durch den nassen Schlamm. Als ehemalige Stadtwache lief ihr vermutlich die Galle zusammen, als sie die untoten Wachposten vor Gilneas-Stadt entdeckte. In ihrer Worgengestalt presste sie nun ihre Fangzähne aufeinander, sodass ich befürchtete, sie würden jeden Augenblick in tausend Teile brechen und ihr Nackenfell stellte sich unangenehm auf. „Wir sollten zurückkehren und uns einen neuen Plan überlegen.“, schlug Ahndor bedacht, aber angesichts Nethalias Zorn zeitlich unpassend, vor. Sie blaffte ihn wütend an: „Du willst doch nicht etwa diesem elenden Gerippe ausweichen, du Sohn eines räudigen Köters.“, und fixierte ihren wuterfüllten Blick auf ihn. „Du kannst vergessen, dass ich diese Stadt ohne weitere Aufklärung betrete. Das ist purer Wahnsinn.“, erklärte er weiter mit der Erfahrung eines Mannes, der in der Armee gedient hatte. Ahndor entgegnete ihr ein kühles Heben seiner rechten Augenbraue, was ihre jähzornige Natur noch weiter anstachelte. „Leck mich, Ahndor. Verdammt sollst du sein, wenn du deinen verletzbaren Hintern lieber wieder nach Sturmsiel tragen willst. Wir haben uns geschworen, dass wir uns niemals aus unserer Hauptstadt vertreiben lassen würden, aber du ziehst lieber den Schwanz ein?“, schrie sie ihn mit einer grollgeschwängerten Bestimmtheit an. „Immer mit der Ruhe, die Herrschaften.“, erhob Gelt sachlich die Stimme und fuhr fort. „Unser Feind befindet sich in der Stadt und nicht hier.“ Ich konnte ihm nur zustimmen, aber die Lage war wirklich kompliziert. Wie es aussah, konnten wir nicht einfach einen gemütlichen Spaziergang durch die Viertel unseres Gilneas unternehmen, sondern mussten uns im Schutz der hereinbrechenden Nacht durch die Winkel und Gassen fortbewegen. Allerdings hat Ahndor einen wunden Punkt getroffen, denn wir hatten tatsächlich keine Ahnung, was auf uns warten könne, schließlich wussten wir nicht einmal vom Fall der Hauptstadt. Die Leichen auf dem Weg hätten uns eine deutlichere Warnung sein sollen.

„Es wird bald sehr dunkel sein“, stellte Nethalia fest. „Was ist, wenn ich über die Dächer der Stadt hechte und uns einen sicheren Weg finde?“, schlug sie vor, bemüht ihren Zorn in Ehrgeiz zu wandeln. Ich entgegnete ihr, dass sie nicht allein gehen könne. „Dann komm mit, Abberworth. Du bist doch auch ein Worgen.“, verpflichtete sie mich. Verdammt. Ich konnte nur seufzen und mit der Schulter zucken. Ich war kein besonders guter Kämpfer und ein Späher schon gar nicht, aber als Worgen besitzt man die unheilige Beweglichkeit und Kraft eines Biests, weswegen sich sogar meine Chancen im Kampf drastisch erhöhten. Ich willigte schließlich ein, aber bestand darauf, dass wir zunächst den Kanal um die Hauptstadt herum nach untoten Aktivitäten untersuchen sollten.

Gilneas lag strategisch auf einer Insel in der Mitte des Landes. Im Laufe der Zeit baute unser Volk die Stadt zu einer befestigten Wehrstadt aus, die nicht nur durch die Kräfte seiner Bewohner verteidigt wurde, sondern auch durch den natürlichen Wasserkanal, der sie umgab. Kreisförmig angelegt und ohne diese veralteten Burgen, die die Lordaeroner so sehr liebten, war Gilneas sicherlich eins der fortschrittlichsten Städte auf ganz Azeroth. Wir liefen den Kanal im Halbdunkeln ab, geschützt durch den dichten Regen und entdeckten sogar am schilfbewachsenen Ufer ein morsches Fischerboot, das aber seinen Dienst noch tun sollte. Wir fanden für Aedan, Ahndor und Gelt eine Felsspalte in der Nähe, die ihnen Sichtdeckung und einen kümmerlichen Regenschutz bot. Ich drückte Ahndor meine Flinte in die Hand, schließlich brauchte ich sie als Worgen nicht und warf ihm dabei einen leidhaften Blick zu. Ich hasste diese verfluchte Form, denn sie erinnerte mich an alles, was falsch mit meiner Heimat gelaufen ist, aber es wäre narrenhaft gewesen ihre Vorteile nicht zu erkennen.

Ich glaube, es gibt kein schrecklicheres Gefühl für mich, als die sprießenden Haare auf meiner Haut zu fühlen und meine wachsenden Knochen in meinem Körper spüren. Es brachte mich an den Rand der äußersten Übelkeit, aber ich vollzog meine Wandlung an Ort und Stelle, als es Zeit wurde. Als Worgen schimmerte mein Haar in einem silbrigen Ton, der an einigen Stellen in ein dunkles Matt überging. Als ich einmal in einen Spiegel blickte, fand ich größte Bedrohlichkeit in den stechend gelben Augen, zunächst nicht realisierend, dass es meine waren. Der Worgenfluch ist wahrlich ein durch Schrecken erfülltes Schicksal.

Es regnete weiterhin, aber die Sonne war längst untergegangen und wenn man den Mond durch die Wolken hätte sehen können, dann wäre sein prachtvolles Licht schimmernd auf unsere Hauptstadt gefallen. Stattdessen fing es aus der Ferne an zu Donnern und weit am Horizont vernahm man aufzuckende Blitze, die die Nacht erhellten. Nethalia und ich stiegen beide ins Boot, die breiten Pfoten als zweckmäßiges Ruder verwendend, um sanft durch das Wasser hin zum steinernen Kanaldock zu gleiten. Wir zogen das morsche Ding schließlich an Land, damit es nicht abtrieb, und stiegen vorsichtigen Schrittes die Treppe hinauf in den Bau jenes Feindes, der sich nicht einfach nur damit zufriedengeben würde uns zu töten, sondern mit seiner Beute spielte wie ein Wesen, das keine natürlichen Feinde kennt.

Marschbefehle wurden durch enge mit Kopfsteinen gepflasterten Gassen gebrüllt und der stetige Rhythmus sich im Stechschritt bewegender Soldaten hallte von den Hauswänden durch die ganze Stadt. Gedankenblitzartig erinnerte ich mich daran, wie ich vor dem Einfall der Untoten durch dieselben Gassen stolperte, während mir Worgen auf den Fersen waren. Mich aus meinen Erinnerungen reißend zog mich Nethalia mit einem kräftigen Ruck zurück, um hinter einem Gemäuer Deckung vor marschierenden Untoten zu finden. Mir stieg dabei heißer Rauch von einem schwelenden Gebäude in der Nähe in die Nase und irgendwo in der Ferne hörte ich menschliche Todesschreie. Die Untoten waren im Begriff die letzten Nester des gilnearischen Widerstands auszuräuchern, wortwörtlich. Ohne weitere Worte bohrte Nethalia ihre Krallen in die verputzte Wand des Gebäudes hinter dessen Mauer wir Schutz suchten und zog sich Meter für Meter die steile Fassade hoch. Im ersten Moment war ich perplex, jedoch tat ich es ihr schnell gleich. Dabei war ich im ersten Augenblick verblüfft, wie einfach es war sich mithilfe seiner eigenen Krallen ganze Gebäude hochzuziehen. Ich erzählte es nicht, allerdings muss dies wohl das erste Mal gewesen sein, dass ich Kraft meines eigenen Willens die Worgengestalt für eine solche Kletterpartie nutzte. Ich fürchtete zwar, dass die durchnässte Fassade jeden Moment zu bröckeln beginnen könnte, aber tatsächlich hielt sie das kräftige Gewicht zweier überdimensionierter Wölfe.

Auf dem Dach angekommen blies mir eine Brise kalter Regenluft entgegen, vermischt mit Rauch und dem vermoderten Gestank der Untoten. Ich merkte es zunächst nicht, aber Nethalia zögerte nicht lang und hastete über die verwitterten Dachziegel der Giebeldächer. Es hatte fast etwas anmutiges, wie sie ihren drahtigen Wolfskörper über die Dächer schwang und dabei immer mal wieder anhielt, um in die Straßen zu schauen. Ich versuchte selbst dabei Gassen auszumachen, die von den Hauptstraßen getrennt waren und mir vorhandene Versteckmöglichkeiten einzuprägen. Die Hauptstadt wirkte von oben so wunderlich, fast wie ein Labyrinth gewundener Wege, die sich schließlich in Knotenpunkten treffen. Wenn die Untoten nicht gewesen wären, hätte sich sicherlich ein eindrucksvolles Bild geboten.

„Siehst du den?“, knurrte Nethalia und deutete auf einen untoten Armbrustschützen in dunkler Lederrüstung, der zwei Häuserreihen weiter hinter einem Schornstein nach Norden hin auf der Lauer lag. Tatsächlich sah ich ihn selbst in der Nacht, meine Augen waren als Worgen so viel schärfer. Ich nickte, ehe sie ihren Abstand zu ihm mit einem gewaltigen Satz nach vorn substanziell verringerte, eine Hauswand hinabkletterte, um zwischen der Gasse die Fassade zu wechseln und mit einer unheimlichen Agilität an dem Haus hinaufzuklettern. Der Armbrustschütze hörte sie aufgrund des Regens nicht einmal kommen und durch einen beherzten Sprung in Kombination mit einem gezielten Streich ihrer messerscharfen Klauen riss sie dem Untoten den Hals von den Schultern. Äußerst bedacht fing sie den abgetrennten Kopf mitten in der Luft und legte ihn zu dem Rest der ohnehin schon verrottenden Leiche, damit er nicht in eine Gasse platschte und etwaige Wachposten alarmieren konnte. Ich bemühte mich ihr zu folgen, aber Nethalia war ruhelos. Sie war diese Form viel besser gewöhnt, als ich jedenfalls, und sprang akrobatisch von Dach zu Dach. Ich konnte nicht viel mehr tun und gab mich damit zufrieden sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Sie erledigte auf diese Art und Weise ein paar Schützen, bevor ich sie beobachten konnte, wie sie sich an einer Wand hinunterhangelte, um ein Fenster mit hölzernen Läden aufzustoßen. Vielleicht brauchte sie eine kurze Verschnaufpause, also folgte ich ihr so schnell ich konnte. Ich weiß noch, wie ich fast die glitschige Mauer hinabgesegelt wäre, wenn ich mich nicht mit den Krallen im hölzernen Rahmen des Fensters verkantet hätte. Mit Mühe zog ich mich hinauf und plumpste ungeschickt auf den harten Holzboden des Obergeschosses. Ich wischte mir Staub aus dem haarigen Gesicht und hielt diese Wohnung in jenem dämmrigen Licht für die eines städtischen Tagelöhners, die natürlich schon ihre besten Zeiten hinter sich hatte, aber zumindest war sie nicht geplündert und halbwegs intakt. Es wirkte zunächst nur, als hätte sich jemand in Eile davongemacht. Ich kam nicht umhin den starken Drang fühlen zu müssen mein Fell auszuschütteln zu wollen, aber letztlich schaffte ich es diesem Instinkt widerstehen. Eine Tür sprang auf und ich konnte gerade einen Blick auf eine Kinderwiege erhaschen, als Nethalia die wuchtige Eichentür wieder in die Angel fallen ließ und so eine ganze Menge Staub aufwirbelte. „Was?“, blaffte sie mich ungehalten an. „Ich habe doch gar nichts gesagt.“, erklärte ich unschuldsbewusst. Sie starrte mich einen momentlang an und ich fühlte mich bereits unwohl, ehe sie zum Fenster stürmte und wieder in der Nacht verschwand. Ich hingegen war neugierig, stieß die schwere Tür auf und stellte fest, dass ich Recht hatte. Ein Staubfilm hatte sich zwar auf alles gesetzt, aber vor mir befand sich eine kindergroße Wiege, die mit allerlei Holzspielzeug gefüllt war. Ein unachtsamer Schritt ließ meine Pfote ein einsames Holzklötzchen in sich vergraben und ich musste aufpassen, den Schmerz zu beherrschen. Ich trat das teuflische Teil trommelnd beiseite und verfluchte es klammheimlich, dennoch richtete es meine Aufmerksamkeit auf eine Kohlezeichnung, die halb unter einer Kommode versteckt war. Ich erkannte Nethalias Zeichenstil, schließlich war dies eine ihrer liebsten Beschäftigungen, wenn wir sie anderweitig nicht beschäftigen konnten. Mit Schwermut leckte ich mir über die Lefzen und schnaufte, das musste Nethalias Haus gewesen sein. Das leere Bett eines Neugeborenen erklärte mir nun, weshalb diese einsame Frau dem Alkohol frönte und Jähzorn ihr Herz vergiften ließ. Ich steckte zwar die Zeichnung ein, aber ich beschloss die Vergangenheit der Nethalia Shawn ruhen zu lassen und kletterte wieder hinaus aufs Dach. Nethalia sagte nichts, aber ihr Blick verriet mir, dass sie mich nur allzu gerne fragen wollte, was ich dort drinnen so lang getrieben hatte. Stattdessen deutete ich in Richtung eines Straßenzugs, der uns direkt zum Kanal nach Kielwasser führen würde. „Wollen wir?“, fragte ich sie erwartungsvoll. Sie nickte lediglich.

Wir stießen auf keine weiteren Schützenposten, allerdings marschierten im letzten Abschnitt nach Kielwasser auffällig viele Patrouillen durch die gewundenen Straßen. Wir würden sie gezielt ablenken müssen, um unbeschadet an ihnen vorbei zu gelangen. Ich machte mir besondere Sorgen um diese zusammengeflickten Monstrositäten, die selbst einen Worgen mit einem Streich entzweihacken konnten. Sie begleiteten die kleineren Wacheinheiten, scheinbar um deren geringere Zahl auszugleichen. „Wir werden uns was für die einfallen lassen müssen.“, erklärte Nethalia mir meine Gedanken nochmal ihren eigenen Worten. Dieses Mal war ich derjenige, der nickte. „Lass uns zurückkehren und die Jungs holen.“, fuhr sie fort. Als wir zum Treffpunkt zurückkehrten, fanden wir die drei Gauner sich ihres Proviants ergötzend vor. Mittlerweile hatte der Regen stark nachgelassen, wenngleich der Himmel immer noch bleiern über uns hing. Aedan schob sich gerade ein Stück Räucherfisch in den Mund und trockenes Brot sollte gerade folgen, da schreckten sie alle drei auf. Nethalia stieg etwas zu hastig in die Felsspalte und heimste ihnen womöglich den Schrecken ihres Lebens ein, aber zum Glück warteten sie nicht mit Gewehr im Anschlag, sondern fraßen sich selig. „Wir haben nun eine Ahnung, welche Straßen sicher sein sollten.“, fing ich an. „Aber wir werden kreativ sein müssen, wenn wir unbemerkt der Stadt entkommen wollen.“, vollendete Nethalia meinen Satz und warf einen missgünstigen Blick in Richtung der Stadt, in welcher sich erneut die Rufe nach Marschbewegungen regten.

Da ich vor kurzem wieder in Kontakt mit der Spielerin von Nethalia getreten bin, hab ich heute eine Geschichte, die sich mehr oder minder mit ihr beschäftigt. Ich hoffe auch dieses Mal, dass man Gefallen am Text findet und bin sehr froh, dass meine Arbeit hier mich wieder mit Menschen, die ich vor rund 10 Jahren!! kennenlernte, verbindet.

Habt ein schönes Wochenende
Euer Gendric

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Gelt und andere Gefahren TEIL III
Erneut wird eine Flaschenpost irgendwo im hintersten Winkel der Welt angespült.

Ich füllte Schießpulver mit zittriger Hand in den Lauf meines Gewehrs und Gregor Gelt kauerte neben mir hinter einigen verwitterten Kisten, bereit seine wuchtige Streitaxt in den nächstbesten untoten Schädel zu vergraben, der nach dem Rechten schauen wollte. Eine Patrouille zog fackeltragend an uns vorbei, ihre donnernden Schritte und wabernden Schatten trieben mir Nadelstiche ins Herz. Wir befanden uns irgendwo in den verwinkelten Gassen des Militärviertels Gilneas‘ und ich war mir sicher, dass unsere letzte Stunde in dieser kalten Nacht geschlagen hatte.

Die Untoten stießen gilnearische Widerstandskämpfer und Soldaten der siebten Legion in Ketten vor sich her, welche durch ihren aufreibenden Kampf in Blut und Dreck gebadet waren. Es war ein elender Anblick. Angesichts der Hilflosigkeit unserer Kameraden konnte ich nur die Zähne aufeinanderbeißen und versuchen Herr über meine Wut zu werden, das Tier in mir unterdrücken. Gelt war dieses Schicksal erspart geblieben, aber auch er musste sich beherrschen. Seine Lippen bewegten sich fast unmerklich, aber ich bekam den Eindruck, er würde eine Zahlenfolge abzählen. Ich hingegen führte eine Kugel in mein Gewehr und schob sie mit dem Stopfer bis ganz nach hinten durch. „Nur zur Sicherheit“, flüsterte ich in seine Richtung. „Pass auf, dass die Kugel nicht hinausfällt, Abberworth.“, entgegnete er. Ich nickte und streckte meinen Kopf zwischen den Kisten hervor, um den davonmarschierenden Soldaten einen argwöhnischen Blick hinterher zu werfen. „Es ist wieder sicher, wir können.“, sagte ich und wollte los eilen, aber Gelt zog mich zurück. Ich fiel schmerzlich auf meinen Hintern zurück und blickte ihn verwirrt an. „Sie nehmen sonst keine Gefangenen, Abberworth. Sie verladen sie vermutlich auf Karren nach Glutstein, tief im Norden, wo sie in den Minen bis zum Tode schuften müssen. Kohle, Eisen und Rekruten für ihre Armee. Diese Gefangenen sind die Ablenkung, die wir brauchen. “, offenbarte mir der Hüne seinen Plan mit der Gerissenheit eines Strategen.

Das vorausgestürmte Trio versteckte sich in den ausgebrannten Ruinen einer Wachstube, die wir zuvor ausgekundschaftet hatten. Ahndors Gewehr richtete sich zunächst bedrohlich auf Gelt und mich, aber senkte sich schnell wieder. „Was hat das so lange gedauert?“, fuhr Nethalia uns an. „Gelt hat eine Idee.“, entging ich ihrem Furor mit der folgenschweren Erwähnung seines Plans. Nethalias Augenbrauen zuckten für einen Moment irritiert, aber sie zeigte darauffolgend eine auffordernde Geste. Gelt nickte bedacht, ehe er ansetzte seine Idee mit ruhiger Stimme an die Gruppe heranzutragen: „Vielleicht schaffen wir es, die Stadt unbemerkt zu verlassen. Vielleicht auch nicht. Gendric und ich haben gerade beobachten dürfen, wie diese untoten Gestalten den örtlichen Widerstand in Ketten abführten. Ich kann mir denken, dass der alte Kasernenplatz höchstwahrscheinlich ihr Ziel ist. Wir sollten sie befreien, einen Aufstand anzetteln und das Chaos nutzen, um zu fliehen.“ Ein solider Plan, der zustimmendes Nicken erntete. Ein Nicken, das uns in Richtung der alten gilnearischen Kaserne der Hauptstadt trieb. Je näher wir ihr kamen, desto mehr Leichen begegneten uns auf der Straße. Sie konnten noch nicht lang tot gewesen sein, aber eine genauere Einschätzung war mir unmöglich, da der Regen ihre Körper hatte aufquellen lassen, wie blutiges Brot. Mit den Leichen kamen außerdem die Patrouillen, die sich ihrer annehmen wollten. Wir bewegten uns durch Gassen, Hinterhöfe und Stuben, um den Verlassenen auszuweichen, aber manchmal kamen sie uns so nahe, dass wir gerade nur noch Zeit hatten, die Türe zu schließen und an das Licht zu beten, sie mögen uns nicht gehört haben. Womöglich erhörte uns das Licht in dieser finsteren Nacht sogar. Wir warteten gerade eine weitere Wacheinheit in einem verstaubten Haus ab, da winkte uns Gelt näher zu sich. Er streifte seinen schwarzen Lederrucksack von den Schultern, kramte darin für einige Augenblicke, ehe er einen hölzernen Stiel mit aufgesetztem Kopf aus Blech herauszog. Gütlich betrachtete Gelt das Ding mit einer gewissen ehrfürchtigen Vorsicht, bis er uns erklärte, dass dies eine Granate sei. „Wir können sie einsetzen, um Verwirrung zu stiften und den ein oder anderen von den Bastar-… “, versuchte uns Gelt zu erklären, aber Nethalia unterbrach ihn hastig. „Das erzählst du uns erst jetzt?“ Für wahr, von einer solchen Sprengladung zu wissen, wäre von Vorteil gewesen, nicht nur angesichts des jetzigen Plans, aber das ganze Schauspiel erinnerte mich daran, wie mysteriös Gelt für uns geblieben war. Gregor Gelt, der Mann, der einsam und verlassen vor meiner Taverne auftauchte und uns um Hilfe bat. Er erklärte uns: „Wir haben nichts verloren, Freunde. Und nun wissen wir, was zu tun ist. Wollt ihr, dass wir lieber wieder umkehren, weil ich nicht von allen meinen Hilfsmitteln erzählt habe?“ Er hatte einen Punkt, aber Ahndors verächtliches Schnauben zeigte mir, dass dies kein Vertrauensbeweis für ihn war. Nethalia reagierte ähnlich, nur Aedan zeigte sich vollkommen ruhig und starrte, raumseitig im Schatten verborgen, aus dem Fenster. „Es ist frei. Helfen wir jetzt unseren Kameraden oder nicht?“, fragte er mit zweifelhafter Erwartung in der Stimme und spülte das Misstrauen für den Moment hinfort.

Die Schreie und das Wimmern der Gefangenen waren bereits seit einigen Straßenblocks zu hören. Immer mal wieder brandete Todesheulen auf, wie Wellengang, der immer wieder gegen kalten Stein schlug. Nethalia hatte sich bereits in Worgenform abgesetzt, während der Rest von uns sich durch die Gassen schlich. Mit etwas Glück würde sie erfahren, wie es um die Aufstellung der Untoten am Kasernenplatz bestellt war. Wie Geister schlichen wir voran in dieser dunklen Herbstnacht, die nicht nur an unseren Körpern zehrte, sondern auch an unserem Verstand. Ahndor huschte von Deckung zu Deckung, von Hauswand zu Hauswand, um uns jedes Mal heranzuwinken, wenn die Luft rein war. Er hatte dabei mittlerweile sein rustikales Gewehr an der Lederschlaufe um seine Schulter gebunden und vertraute nunmehr auf seinen alten Offiziersrapier, der trotz seiner Jahre immer noch rasierklingenscharf wirkte. Eine Steinschlosspistole begleitete ihn dabei mit jedem Schritt. Aedan bildete die Nachhut, aber, wenn wir mal ehrlich sind, gaben wir ihm diese Position, weil er dort am wenigsten Schaden anrichten konnte. Er war unbedarft und mit der beschränkten Intelligenz eines Tagelöhners gestraft, aber Aedan konnte immerhin ausreichend geschickt mit einem Schwert umgehen und ein metallener Buckler sollte ihn zumindest eine Weile am Leben halten. Gelt und ich wiederum schlichen unserem Vordermann nach, allerdings galten meine Gedanken weniger unserer Mission als meinem Nebenmann selbst. Woher hat Gelt einen Sprengsatz, fragte ich mich. Wieso musste er nach Kielwasser und was würde uns dort erwarten? Zuerst verschwommen in der Dunkelheit, aber dann klarer werdend tauchte Ahndor vor uns auf. „Patrouille etwa 100 Meter entfernt, die kommen auf uns zu.“, stammelte er hauchend, der Atem stockte ihm in der Kehle. Wir rannten zurück, gehetzt wie Ratten in einem Labyrinth. Ich schmeckte Blut auf meiner Zunge, ich musste mir in die Wange gebissen haben in der Aufregung, aber wir hatten jetzt keine Zeit für derlei Kleinlichkeiten. Wir eilten zurück zu Aedan, sammelten ihn ein und suchten sichere Deckung hinter einer Trockenmauer aus Schiefer, die in einen Hinterhof einer Schmiede führte. Ich spürte es zunächst auf meinem Nacken, ein Regenschauer war erneut dabei aufzuziehen. Die Untoten waren in dieser Nacht ruhelos und ich fragte mich, ob die fehlenden Dachschützen der Grund dafür gewesen sein mögen. Womöglich konnte ihr Tod ein Fehler unsererseits gewesen sein, aber wir waren einfache Leute, die zu extremen Taten gezwungen waren. Wir befanden uns zwar in unserer Heimat, aber wir bewegten uns in unbekanntem Terrain. Die Untoten trieben uns wie Vieh durch unsere eigene Stadt, aber wir hatten immerhin noch ein Ass in der Hinterhand.

Keine Patrouille erwischte uns in dieser regengeschwängerten Nacht. Mittlerweile fielen wieder Bindfäden vom Himmel hinab, was uns durchnässt und frierend zurücklies. Nethalia wartete bereits auf einem Dach unweit der Kaserne auf uns und schwang sich elegant an einer gelockerten Regenrinne in einer halbrunden Bewegung vor uns auf ihre Pfoten. Das Quietschen der Regenrinne heulte dabei unangenehm in meinen Ohren. Sie hatte bereits den Platz ausgekundschaftet und war in der Lage, uns ins Bild zu setzen. Scheinbar wurde der Kasernenplatz tatsächlich zweckentfremdet, um den menschlichen Widerstand zusammenzutreiben. Die Kaserne selbst war ein annähernd viereckig aufgebautes Steinziegelgebäude, das zur Hälfte aus einem gepflasterten Vorhof bestand. Über Fenster und Schießscharten mutete es an, wie eine leicht zu verteidigende Festung, aber nichtsdestotrotz war sie an die Untoten gefallen. An den Ecken ragten Türme, welche über Zugänge am Boden betreten werden konnten, knapp über die dunklen Ziegeldächer der Stadt. Auf dem flachen Dach konnte man zwar Schützen vermuten, aber Nethalia erzählte entgegen dieser Erwartung, dass es dort oben wie leergefegt wirkte. Tatsächlich hatten die Untoten, ihres Sieges sicher, sich in den Innenhof zurückgezogen, um die Gefangenen in Schach zu halten. Schließlich hatten sie keine Käfige und nicht genug Ketten für die zahlreichen Gefangenen, die sie während ihrer Eroberung machten. Sie hatten die Ketten in erster Linie für Gilneer reserviert, die ihnen aufgrund der Worgenform gefährlich werden konnten, allerdings konnten sie diese nicht wiederbeleben, sodass ohnehin nur recht wenige von ihnen überlebten. Wir vermuteten, dass ein Großteil der Gefangenen aus Legionären der Siebten bestand, weil auch andere Völker der Allianz sich dort ihrer Freiheit beraubt sahen und sich, wie Tiere, beugen mussten. Wir mussten nur einen Weg finden, die Wachen abzulenken und ihrer Beute die Chance geben, sich ihrer misslichen Lage zu befreien, aber wie konnten fünf einfache Zivilisten dies nur bewerkstelligen?

Die drei Worgen unter uns zogen sich gerade die steinerne Mauer der Kaserne empor, da dämmerte mir langsam der Grund, weshalb die Untoten ihre Wachposten hier so spärlich besetzt hatten. Die Patrouillen, die uns begegneten, suchten die Stadt nicht ab, sondern verließen sie. Sie hatten ihr Ziel erreicht, die Stadt war gebrochen. Allerdings würden die Überlebenden sich mit den verbleibenden Truppen im Land formieren und womöglich einen Gegenangriff planen. Vermutlich wollten sie diese Kräfte so schnell wie möglich ausräuchern. So wenig Informationen, so viel Ungewissheit. Geschafft. Wir erreichten das Dach, erneut erfasste uns eine frische Brise und Regen schlug uns ins Gesicht. „Das Dach ist tatsächlich frei. Selbstsichere Amateure.“, blaffte Ahndor und er hatte Recht. Die Verlassenen machten sich tatsächlich nicht die Mühe, ihren Rücken zu schützen. Nicht einmal die Türme hatten sie besetzt, aber in dem nächtlichen Regen war die Sicht ohnehin sehr beschränkt. Allerdings hatten sie immer noch die taktische Überlegenheit, ihre Überzahl und ihre Waffen. „Zur Waffenkammer.“, führte Ahndor aus. Ich fragte, wie wir diesen Kampf gewinnen wollten, aber Ahndor bläute mir den Stand der Tatsachen zurück in den Schädel. „Abberworth, wir nutzen diese Leute als Ablenkung. Hör auf dir Gedanken zu machen.“ Nethalia zuckte ebenfalls nur mit den Schultern und ich musste unzufrieden schnaufen. Er hatte Recht, aber tapfere Männer und Frauen für unsere Zwecke zu opfern bereitete mir üble Bauchschmerzen. Nichtsdestotrotz war die Kampfstärke der Verlassenen, trotz ihres Abzuges, immer noch beachtlich. Wohl drei dutzend Fußsoldaten, zwei Monstrositäten und einige Skelettzauberer wachten über den Innenhof, aber die Zahl der Gefangenen war mindestens doppelt so groß. Wenn sie koordiniert vorgingen, dann hatten sie ohne Zweifel eine Chance, aber zunächst folgten wir Ahndors Plan. Vorsichtigen Schrittes gingen wir die Treppe des nordwestlichen Turms hinunter, bedacht darauf keinen Wachposten zu alarmieren. Da Ahndor sich hier aufgrund seiner vergangenen Soldatenlaufbahn hier bestens auskannte, ließen wir ihn uns das Korridorgewirr führen, ehe er uns zu einer Tür lotste, die sperrangelweit offenstand. Aus dem Raum drang eisernes Waffengeklirre, das nur durch dumpfes Gepolter auf dem Lattenholzboden unterbrochen wurde. Ahndor schlich vorsichtigen Schrittes voraus und presste sich hauchdünn an die Wand, die zur Tür führte. Er warf einen flüchtigen Blick in die Waffenkammer hinein und deutete uns mit Handzeichen, dass drei Untote sie gerade plünderten. Dreckige Gossensprache, eine perverse Verkehrung unserer eigenen Sprache, drang unregelmäßig aus dem Raum, aber wir machten uns bereit ihn zu stürmen. Wir mussten schnell sein, sonst würden sie Alarm schlagen. Mit der bestialischen Agilität eines Worgen stürmten wir hinein. Ich wählte eine in Kettenrüstung gekleideten Leichengestalt, preschte auf den zur Beute gewordenen Täter hin und wandelte sein verhaspeltes Plärren in röchelnde Schreie. Mein Herz schlug wie ein wildes Trommelstück, aber wir erledigten sie fast gleichzeitig.

Die Waffenkammer war spärlich bestückt und kaum tauglich, um eine Revolte anzuzetteln, aber ich erinnerte mich an Ahndors Worte. Wir brauchten eine Ablenkung, nicht einen unbedingten Sieg. Wir fanden einige schartige Schwerter, Armeemesser und abgewetzte Streitkolben, die man aber zweifellos noch in die Schlacht führen konnte. Schwer beladen und unter den Waffen ächzend schleppten wir uns wieder in Richtung Dach. Schreie, die sich mit dem prasselnden Regen vermischten, gellten über den Innenhof. Die Untoten machten sich marschbereit, aber zu ihren Ungunsten wussten sie nicht, dass wir einen Plan hatten. Denn gerade als Ahndor einen lauten Pfiff von sich gab ertönten unterhalb der Festung Schüsse. Erst zwei, dann folgten weitere und darauf Stille. Vom Dach aus warfen wir vorsichtige Blicke hinab in den Hof. Die Untoten reagierten mit Mobilmachung, erneut drangen Marschbefehle

vom Platz aus durch Gilneas. Etwa die Hälfte der untoten Garnisonsbesatzung schwärmte in Kohorten aus, während minutenweise weitere Doppelschüsse in der Ferne knallten. Die Gefangenen wurden dicht an die Innenmauern zurückgedrängt, die verbliebenen Untoten fürchteten scheinbar eine Eskalation und wie Recht sie doch hatten.

„Das ist unsere Chance.“, rief ich und warf unseren neuen Verbündeten die gesammelten Waffen hinunter. „Bewaffnet Euch, Brüder und Schwester Gilneas‘. Stürmt noch einmal, stürmt!“, brüllte ich ihnen entgegen, durch meine Liebe zu meiner Heimat beflügelt. Ein höllischer Knall folgte meinen Worten, der im Innenhof aufblitzte und die Luft mit tödlichem Schrapnell füllte. Einige Untote wurden von den Füßen gerissen, andere verloren ihre modrigen Körperteile. Aufgewirbelter Staub erhob sich, wurde aber durch den Regen schnell wieder hinfort gewaschen. Ahndor hatte sich die Granate mitgeben lassen, damit wir sie vom Dach taktisch einsetzen konnten. Ich erinnere mich an seinen genießerischen Gesichtsausdruck, als die Untoten zerfetzt wurden. Man sah Ahndor nie mit großen Emotionen hantieren, aber der endgültige Tod dieser Leichengestalten versetzte den ehemaligen Soldaten in ungezügelte Ekstase. Mit breitem Lächeln in der Schnauze feuerte er seine Pistole flüchtig in die Menge gerichtet und ich bin sicher, dass er mit dem Gedanken spielte, dem Kampf unten beizuwohnen. Aber während die jauchzenden Gefangenen sich ihrer Ketten entledigten und ihren Peinigern sowohl mit neuem Mut als auch alten Waffen entgegentraten, konnten wir nicht verweilen. Noch während Todesschreie und das Klirren kalten Stahls begannen unter uns zu tosen, verschwanden wir geschickt mit einem Satz über ein Dach, das gerade nah genug an der Kaserne war.

Wir schwangen uns mit Geschick in jenen Hinterhof, wo die Gruppe zuvor den Sammelpunkt festgelegt hatte, aber zerknirscht mussten wir feststellen, dass eine Fünfergruppe untoter Fußsoldaten Gregor Gelt und Aedan in Schach hielten. Einer der Verlassenen wagte sich gerade vor, um Gelt einen Schlag in die Flanke zu verpassen, da hievte der Mann seine massige Streitaxt hervor, um nicht nur das Schwert des Untoten davonsegeln zu lassen, sondern auch direkt seine ganze Hand. Er hatte ihn nicht einmal getroffen, sondern lediglich das Schwert pariert. Eine Ochsenstärke, die seinesgleichen suchte. Angestachelt durch den Verlust ihres Kameraden tänzelten nun auch die anderen Soldaten an ihn heran, aber Aedan fing ihre Schwerthiebe mit seinem Schild ab. Gelt schlug gerade den Handlosen beiseite, da warf sich Nethalia, wild um sich beißend, auf einen der Untoten in der hinteren Reihe. Sie verteilte nicht nur Hirnmasse auf dem Platz, sondern auch übelriechende Einbalsamierungsflüssigkeit, aber in der Hitze des Gefechts fällt einem das nicht auf. Das Blut eines Kriegers kocht während eines Kampfes und man kümmert sich nur um sein nächstes Ziel, blind für jegliche andere Empfindung. Aedan geriet zunächst in Bedrängnis und ich war sicher, dass sein Buckler den Geist aufgeben würde, aber Ahndor rettete ihn mit einem beherzten Sprung auf seine Kontrahenten. Beide rang er sie nieder und trieb wiederholt seine Klauen in wilder Raserei in ihre Körper. Die Lederrüstungen, die mit kruder Kettenrüstung ausstaffiert waren, halfen nicht viel. Es blieben nur zerfetztes Fleisch sowie mürbe Knochen. Der letzte Knochenmann, der einen auffälligen Kiefer aus Eisen besaß, erkannte das sinnlose Unterfangen und nahm seine Beine in die Hand. Er hatte mit lichtverlassener Geschwindigkeit schon einige Meter hinter sich gebracht, da warf mir Aedan mein Gewehr, das ich ihm zum Radau machen überließ, entgegen. „Es ist geladen!“, rief er. Ich fing es mit pelziger Pfote und führte den hölzernen Kolben mit menschlicher Hand an meine Schulter, zielte und ließ den Auslöser klicken. Rauch schoss aus der Mündung, verdeckte für kurze Zeit die Sicht, aber als es sich klärte, lief der Eisenkiefer immer noch und brüllte unverständliches in dieser verwünschten Gossensprache. Wir ließen ihn dieses Mal noch einmal mit dem Leben davonkommen, falls man das überhaupt sagen kann. Der sonst so rationale Gregor erhob ein triumphierendes Lachen, das nun anstatt der vorherigen Marschbefehle durch die Gassen dröhnte. Wir konnten nicht anders, als uns durch seinen Enthusiasmus anstecken zu lassen. Es war geschafft. Wir zettelten erfolgreich einen Aufstand in unserer Hauptstadt an. Das darauffolgende Chaos nutzten wir, um unentdeckt durch die Straßen zum westlichen Dock zu gelangen. Die Straßen waren wie leergefegt, scheinbar hatte unser kleiner Trick funktioniert, aber ich fragte mich insgeheim, ob die Gefangenen nicht doch ein zu großes Bauernopfer waren. Wir wussten nicht, ob sie diese Schlacht gewinnen konnten, allerdings musste ich Trost in der Annahme finden, dass ihr Schicksal andererseits sowieso besiegelt war.

Der Regen ließ bald nach und schließlich sollten wir die Docks erreichen. Auf dem Kanal bildete sich gerade ein dichter Morgennebel, der sich in undurchsichtigen Schleiern über das Wasser legte. Wir fanden ein kleines Boot, das unsere erschöpfte Truppe hoffentlich sicher ans andere Ufer tragen sollte. Ich erinnere mich noch furchtbar genau, wie sehr meine Füße schmerzten und wie die Kraft aus meinen Gliedern schwand. Wir hatten einen Gewaltmarsch in die Stadt zurückgelegt, nur um sie in den Händen der Untoten vorzufinden. Ich muss im Boot kurz eingeschlafen sein, denn meine nächste Erinnerung beginnt mit einem unsanften Ruck, als wir in der Nähe des birkenbewachsenen Friedhofs von Kielwasser auf Land stießen. Mit einigem Unmut hievte ich meinen ermatteten Körper aus dem Boot und rieb mir die Müdigkeit aus den Augen, aber der Schaden war bereits eingerichtet. Nichtsdestotrotz ließen wir Gelt die Führung übernehmen, denn als ehemaliger Bürger Kielwassers kannte er sich hier wohl am besten aus.

Die Geschäftigkeit des durch den morgendlichen Nebel verdeckten Kielwassers war bereits aus der Ferne zu vernehmen. Soldaten hatten sich dort niedergelassen und erneut drangen bellende Marschbefehle durch die Luft. Allerdings dieses Mal in Gemeinsprache und mir fiel ein Stein vom Herzen, als wir vorbeiziehenden Soldaten der siebten Legion begegneten. Gelt führte uns geschwinden Schrittes über einen Feldweg in Richtung eines sich am Rande der Stadt erhebenden Hügels. Am Ende des Pfades thronte das durchaus mit Imposanz zu beschreibende Anwesen der Familie Gelt, das uns, wie eine Belohnung nach endloser Schatzsuche, winkte. Es war ein weitläufiges Haus, das zwar in die Jahre gekommen war und nach den Plünderungen an Glanz verlor, aber dennoch den Eindruck vermittelte, dass die Gelts nicht arm gewesen sein konnten. „Endlich.“, brachte ich mit Genugtuung hervor, was mir zustimmendes Nicken erntete. Wir betraten die aufgestoßene Pforte und ein wildes Blättergewirr eines im Hof befindlichen Baumes lag bereits im Flur des Hauses verteilt. Aufgestoßene Schubladen, zersprungene Blumenvasen, zerkratzte Holzmaserungen an den Wänden – von innen hatte das Anwesen allem Anschein nach bessere Tage gesehen, aber Gelt verzog keine Miene, jedenfalls äußerlich. Er führte uns eine knarzende Holztreppe hinab in den dunklen Keller, wo er eine Fackel aus seinem Rucksack kramte und sie mit Feuerstein und Zunder den Raum erhellen ließ. Schemenhaft wurden Schatten durch die vielen Spinnweben an die Wände geworfen. Man musste aufpassen, dass man nicht über zerschmetterte Kisten stolperte, ansonsten war der Raum kahl. Gelt erklärte, dass man hier sonst Garten- und Feldgeräte hätte finden müssen, aber ich war mir sicher, dass sie bereits zu Schwertern umgeschmiedet worden waren. Der zurückgekehrte Gelt tapste vorsichtig auf eine Wand zu, die er mit einem gekonnten Klopfen auf ihren Widerstand zu prüfen schien. Der nächste Moment war erfüllt mit Staub und bröckelndem Putz, während die Wand unter seinen heftigen Schulterstößen nachgab und einen Geheimgang offenbarte. „Nur ein Gelt weiß, wie man sich hier Zugang verschafft. Sagte ich doch bereits, oder?“, sprach der einzige Familienangehörige in diesem Keller mit einer innerlichen Zufriedenheit, die durch seine rationale Ader begleitet wurde. Ich war zwar keineswegs überrascht, weil Leute große Wege und Anstrengungen hinter sich bringen, um ihr Hab und Gut zu schützen, aber das war schon etwas unerwartetes. Wir betraten schließlich einen quadratischen Raum, der anfangs nur durch Gregors lodernde Fackel erhellt wurde. Knisternd entzündete er allerdings weitere Fackeln, die an Halterungen an den Wänden befestigt waren. Nun offenbarte sich uns die wahre Pracht des Raumes, denn er war gefüllt mit allerlei Waffenständern, Kisten und sonstigen Behältnissen, die die Zeit zwar verstaubt, aber intakt überstanden hatten. Gelt wirkte erleichtert und ging auf eine Truhe zu, die er erwartungsvoll aufstemmte. „Hier, Abberworth. Das sollte mehr als genügen.“, verkündete er mit ruhiger Stimme und warf mir einen klimpernden Beutel, den ich mit Mühe fangen konnte, entgegen. Wertvolle Goldmünzen, die uns über Monate ernähren sollten. „So viel Geld versteckt man in Kisten?“, stammelte ich erstaunt. Wir bedienten uns großzügig am vorhandenen Waffenarsenal, schließlich war es unsere versprochene Belohnung. Nur Gelt kramte weiterhin durch seine Kiste als hätte er den Schatz seines Lebens gefunden. Neugierig, wie ich war, linste ich immer mal wieder zu ihm hinüber, aber ein Gewehr mit gezogenem Lauf zog mich in seinem Bann. Eingelassen in dunklem Holz glänzte das mit Rosenornamenten verzierte Metall der Flinte im schummrigen Licht der Fackeln, nun wo ich den Staub von der Oberfläche strich. Es sollte mir noch gute Dienste leisten, dachte ich. Ich konnte gerade noch erhaschen, wie Gelt einen Haufen Dokumente in seine Tasche stopfte, da drehte er sich rasch um und verließ den Keller. Meine Freunde, gierig wie sie waren, plünderten noch einige Kisten, aber ich entschloss mich ihm unauffällig zu folgen.

Sein Weg führte ihn zum Friedhof zurück, in der Nähe musste sogar noch unser Boot am Ufer gelegen haben. Ein kalter Nebel schlich gerade über den Friedhofsplatz, aber ich sollte nicht lang damit verbringen dem Mann hinterherzuschleichen. Gregor Gelt wachte über dem Grab seiner Vorfahren und stemmte die Arme an die Hüfte. Ich wollte ihn ungern stören und wollte gerade wieder umdrehen, da fragt der Mann in üblich sachlichem Ton: „Ich habe ein Versprechen zu erfüllen, Gendric. Helft Ihr mir sie zu verbrennen?“ Ich nickte ermüdet, aber wir machten uns an die Arbeit.

Hiermit der Schluss des Dreiteilers zu Gregor Gelts Abenteuer mit der Gruppe. Sie basiert im Grunde auf einer wahren Rollenspielsituation, aber natürlich habe ich hier und da ein wenig die Fantasie spielen lassen. Im Zuge der Story (und des Rollenspiels) hatten wir die Stadt als gefallen betracht und mir war wichtig anzumerken, dass dies zwar für unsere Gruppe kurzzeitig der Fall war, allerdings habe ich durch den Aufstand den Status Quo wiederhergestellt.
Seht das bitte nicht als Ansatz für Serverlore, sondern einfach als Geschichte, die zum Unterhalten gedacht ist.

Die Spieler von Nethalia und Gregor standen mir dabei mit einigen Anmerkungen und ihren Eindrücken zur Seite. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an die beiden!
Mein derzeitiger Plan für Gendrics Tränen sind noch unbestimmt, aber ich hoffe, dass ich noch einige Geschichten zu Garlin, Aedan und vielleicht einige simplere Stories schreiben kann, bevor ich mich dem Story-Arc des Schwarzforstes widme, der nicht nur für mich ein Highlight werden soll, sondern auch hoffentlich für euch!

Ich würde mich sehr über Feedback freuen. (Hass, Liebe, konstruktive Beiträge, Liebesbriefe, egal was)

Viel Spaß beim Lesen
euer Gendric

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Ein kleiner Push von ehemals Beomar aka Gregor Gelt, damit die fein geschriebene Story/Erinnerung an vergangenes RP noch mehr Leute erreicht!

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Ganz großer Push!

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